Zwischenspiel 1

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„Du hast echt Mist gebaut!“

Mit einem kräftigen Schlag von Hammer und Meißel verlieh Pierre seinen Worten den genügenden Nachdruck. Die Plombe segelte an seiner Schulter vorbei und verkündete mit einem hellen Scheppern ihre sichere Landung auf dem Zitadellenboden.

„Was kann ich denn dafür, dass die Teks so miese Ausrüstung haben?“, kam die nörgelnde Antwort Gregors, der Kumpel, dem er gerade aus der Patsche geholfen hatte.

„Es hätte auch jeden anderen erwischen können. Wenn du Glück hast, haben die Sikos so viel zu tun, dass sie nicht noch mal bei mir auftauchen. Der Typ hat mich gnadenlos durchschaut. Du kannst einen Siko einfach nicht anlügen.“

Ohne hinsehen zu müssen, ließ er das grobe Werkzeug in den richtigen Taschen verschwinden. Aus einer anderen fischte er die neue Sicherung, die er speziell für diesen Job angefertigt hatte, und aus der nächsten einen Miniaturlaser.

Da Gregor schwieg, fügte Pierre noch hinzu: „Vielleicht tauchst du eine Weile unter, außerhalb der Stadt. Dann hast du einen Vorsprung, wenn sie doch noch zurückkommen.“

„Du wirst mich doch nicht ans Messer liefern, oder?“

Mit dem Laser reinigte er die Kontakte der Halterung und setzte dann die Sicherung ein. Auf seiner Datenbrille tauchte die erneut verbundene Stromleitung in der Software der Segmentüberwachung auf.

„Du kennst mich. Würde ich nie tun. Falls sie mich aber foltern …“

Auf der anderen Seite des ComNets sog sein Kumpel scharf die Luft durch die schmale Öffnung zwischen seinen Lippen.

„Folter? Es ist doch schon seit Jahrhunderten niemand mehr von den Sikos gefoltert worden.“

„Wenigstens hat seit Jahrhunderten keiner mehr etwas davon erzählt“, gab Pierre trocken zurück. „Du weißt es doch besser. Selbst wenn die Sikos es täten, wen würde es schon interessieren, was einem kleinen Bastler aus U127 zustößt? Wahrscheinlich hat er die Beamten bedroht oder sogar angegriffen und es nicht anders verdient.“

Das musste Gregor nachdenklich zu stimmen, denn er schwieg erneut. Dann schien er seinen Entschluss gefasst zu haben.

„Okay, ich pack dann mal meine Sachen. Man sieht sich.“ Nach einer Pause fügte er noch hinzu: „Hoffe ich.“

„Mach es gut und bleib am Leben.“

Die Verbindung wurde unterbrochen und Pierre schloss mit einem Gefühl größter Zufriedenheit die Abdeckung des Verteilerpanels. Der Schrecken, den er seinem Kumpel eingeflößt hatte, trug einen nicht unbedeutenden Anteil daran. Er hatte es verdient, für den Pfusch, den er hier angerichtet hatte.

Falls sich niemand mehr nach ihm erkundigte, würde er ihn zurückholen. Nachdem er ein oder zwei Wochen in der primitiven Siedlung, in die er floh, über seinen Fehler nachgedacht hatte.

Er war sich gar nicht so sicher, ob das Sicherheitskorps ihn nicht doch foltern würde, wenn ein anderer Ermittler auftauchte und diese Information haben wollte. Jetzt konnte er den Namen des Übeltäters nennen, ohne großen Schaden anzurichten.

Als er die vielen roten Punkte auf dem Lageplan dieser Etage betrachtete, war er eigentlich recht froh, dass Gregor einige Zeit fort sein würde. Die Ergebnisse seiner Reparaturen waren wechselhaft. Manchmal legte er Hand an etwas, dass noch nicht einmal kaputt war. Vielleicht schaffte Pierre es, all diese Fehler aus der Welt zu schaffen, bis er zurückkehrte. Danach würde er ihm nahelegen, sich doch ein anderes Hobby oder wenigstens eine andere Etage dafür zu suchen.

„Oberwelt, ich komme!“, murmelte er, unbeachtet von den Menschen um ihn herum, in das Grau der Gasse.

Sein Traum war ein komplett grün eingefärbter Lageplan, mit dem er bei seiner nächsten Bewerbung bei den Teks glänzen konnte. Damit er hier wegkam. Als Tek einen Job in der Oberwelt bekam oder wenigstens in den einstelligen Unterweltetagen.

Es war schon seit seiner Kindheit seine Bestimmung, die Technologie der Zitadelle zu revolutionieren. Sein Vater hatte den Grundstein gelegt, als er ihn, sobald er laufen und einen Schraubendreher halten konnte, mit zu seinen Reparaturen nahm. Auch er war ein Bastler gewesen.

Sein Vater hatte ihm immer gesagt, dass er eines Tages ein Tek werden würde, so großartig, dass sich die Etagen um ihn rissen.

Dazu musste das Technologische Komitee nur erst von seinem Können erfahren. Die letzten vier Jahre, in denen er das versucht hatte, war seine Bewerbung immer von einem dieser schmierigen Bürokraten abgefangen und aussortiert worden. Meistens wusste er, wer stattdessen den Platz bekam, der eigentlich ihm zustand. Das waren nicht selten Leute, die wie Gregor mehr Schaden als Gutes anrichten würden.

Doch er gab nicht auf. In der Zwischenzeit lernte er noch mehr. Studierte jedes verbaute Stück Zitadellentechnologie und füllte seine Regale mit einer Unzahl Prototypen, die ausnahmslos Verbesserungen ihrer Vorlagen darstellten.

Pierre dachte über die Frage nach, die ihm dieser Sergeant gestellt hatte. Ob er bei Tamachis Tod nachgeholfen hatte.

Hatte er natürlich nicht.

Würde er nachhelfen, um in der Gesellschaft aufzusteigen? Tamachis Posten war natürlich vollkommen unbedeutend. Würde er aber den Beamten töten, wenn das bedeutete, dass seine Bewerbung endlich dem Komitee vorgelegt wurde?

Wie würde er es anstellen? Eine Bombe in der Bewerbung, die nur auf seine Biosignatur reagiert? So ein Paket würde zurückverfolgt werden. Auf einen Unfall konnte er dann kaum plädieren. Welche digitale Bewerbung explodierte schon, selbst wenn ihr ein Muster an Hardware beilag. Außerdem würde ein potenziell gefährliches Stück Hardware nie den Scanner nach O1 passieren.

Oder würde er ihn verfolgen? Herausfinden, welche Bars er besuchte und den Luftdruckreiniger manipulieren, den jeder Gast vor dem Betreten passieren musste? Auslöser könnte der Chip des Beamten sein. Verständlicherweise könnte er diese Änderung nicht direkt am Reiniger durchführen. Er musste dafür sorgen, dass jemand anders ihn unbeabsichtigt beschädigte. Dem Tek, der das Gerät reparierte, musste er dann das passende Ersatzteil unterjubeln. Kompliziert aber nicht unmöglich.

Allerdings lagen solche Handlungen nicht wirklich in Pierres Natur. Nicht allein wegen der Gefahr, dabei aufzufliegen, auch wenn er vor den Folgen natürlich Angst hätte. Schließlich war er kein Psychopath.

Nein, er würde niemanden verletzen oder töten wollen, nur um in der Nahrungskette aufzusteigen. Es musste einen Weg geben, das auf ehrliche Art und Weise anstellen zu können.

Ein neuer roter Punkt tauchte auf der Karte auf und Pierre seufzte.

Als er die Position erkannte, weiteten sich seine Augen.

Das war seine eigene Segmentüberwachung, bei der ein Defekt angezeigt wurde. Einen Bruchteil nach dieser Erkenntnis wurde die Anzeige schwarz.

Er hatte die Verbindung zur Segmentüberwachung verloren. Hatte sich der Fehler wiederholt, der während Tamachis Tod aufgetreten war?

Pierre beschleunigte seinen Schritt.

Er drückte sich an den farblosen Gestalten vorbei, mit denen er sich die Straße teilte und ignorierte die Flüche, die er gelegentlich dafür erntete. Bei der ersten freien Stelle rannte er. Das hatte er lange nicht mehr getan und bereits nach wenigen Schritten spürte er, wie sein Körper Zweifel ankündigte, wie lange er das noch durchhalten würde.

Wer hatte hier schon einen Grund zu rennen?

Aber Pierre wollte nicht riskieren, dass ein weiterer Unfall geschah, während er blind war. Deswegen ließ er die Bedenken außer acht, die Lungen und Oberschenkelmuskel einreichten und rannte weiter.

Vollkommen atemlos, mit stechenden Seiten und pochenden Schläfen erreichte er seinen Arbeitsplatz.

Die Monitore waren schwarz, bis auf einen.

Ein Gesicht blickte ihn daraus an. Verschwommen und mit leicht variierenden Merkmalen.

Das war der Geist des Alpha-Netzwerkes.

„Verdammt!“, keuchte er, ging auf die Knie und stützte sich mit den feuchten Handflächen auf dem kalten grauen Boden ab.

Es war keine Eile mehr nötig. Um dieses Problem zu beheben, musste er sowieso einen dicken Brocken seiner Zeit aufbringen.

Pierre atmete schwer, um dem gierigen Verlangen seines Körpers nach Sauerstoff nachzukommen. Dafür wechselte er in eine bequemere, sitzende Position und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand, die dem Medienpanel mit der Fratze gegenüber lag.

Schweiß rann ihm in die Augen und er wischte sich mit dem Ärmel seiner Lederkluft darüber. Das half kaum und er fischte ein Tuch aus einer der Taschen, das für diese Aufgabe besser geeignet war.

„Ich kann dir helfen.“, flüsterte ihm eine Stimme zu. Er hatte sie kaum wahrgenommen, so zittrig und dünn schwebte sie an sein Ohr.

Er sah sich im Raum um.

Er war alleine.

„Ich kann dir helfen, wenn auch du mir hilfst.“

Da war sie wieder. Doch Pierre sah immer noch nicht, wo sie ihren Ursprung hatte.

„Ich kann dich nicht sehen. Bin ich verrückt?“

„Ich bin direkt vor dir.“

Direkt vor ihm? Dort war doch nichts. Außer …

„Das ist ein Scherz oder? Du rufst mich über das ComNet an und benutzt das Gesicht des Alpha-Geistes. Gregor, bist du das, um dich an mir zu revanchieren?“

„Nein. Ich bin der Alpha-Geist.“

„Das ist ein Virus, oder? Mensch, Gregor!“

Ein Virus, der es auf seine Etage abgesehen hatte und seinen Traum von einer besseren Welt zerstören würde, wenn Pierre ihn nicht beseitigte.

„Kein Virus. Wirf deine Vorurteile über Bord und hör mir zu. Ich kann dir helfen, den Platz einzunehmen, der dir in der Oberwelt zusteht. Im Gegenzug musst aber auch du etwas für mich tun.“

Woher wusste er das? Natürlich kannte auch Gregor seinen Plan, sich bei den Teks zu bewerben. Dass er gerade eben darüber nachgedacht hatte, aber sicher nicht. Ob diese virtuelle Spukgestalt seine Gedanken lesen konnte?

Pierre zuckte mit den Schultern. Er würde gleich damit anfangen, den Schaden zu reparieren. So lange hatte er Zeit, ihn zu überzeugen.

„Dann schieß mal los!“

Andeutung 1.5

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Befand Torochew sich auf einem Trip? Er zog es einen Moment lang in Erwägung. Doch die Überwachung seiner Biowerte schlug nicht an.

Nachdem er sein Auge verloren und dieses Wunderwerk der Technik erhalten hatte, brauchte sein Kopf eine Weile, bis er sich daran gewöhnt hatte. Damals war es nicht ungewöhnlich, dass ihm sein Verstand Streiche spielte, wenn er versuchte die Bilder seines Auges und des Optikimplantats zusammenzufügen.

Diese Phase war vorbei. Er verwendete zwar immer noch Tricks, um Nebeneffekten wie Kopfschmerzen oder Übelkeit vorzubeugen, aber er wusste genau, was er sah. Das Gesicht war real gewesen, als Beweis gespeichert auf einem Datenträger. Und das Symbol flimmerte immer noch dort, direkt vor seiner Nase.

Er war sich sicher, dass er es auch in der Segmentüberwachung gesehen hatte. Beides Orte, die mit dem Tod eines Menschen in Zusammenhang standen.

Würde sich Tamachis Tod, wie Groenwalds, ebenfalls als Mord herausstellen, wenn er nun doch nachbohrte? Steckte hinter den Fällen seiner beiden Kollegen womöglich ebenfalls mehr? Keine Verschwörung der Maschinen sondern ein echter Mensch, mit einem wirklichen Motiv?

Er schickte ein Bild des Symbols an die beiden, wenigstens um den Zweifel auszuräumen. Eine weitere Kopie ging an die Kommunikationsabteilung. Sie sollten ihm alle bekannten Informationen darüber zukommen lassen. Außer der Information, dass es sich um einen griechischen Buchstaben handelte, der außerdem für die Maßeinheit Ohm stand. Das war ihm natürlich bekannt.

Groenwalds Medienpanels konnte er nach Einsicht in das Bewegungsprofil leider nicht genauer untersuchen. Falls er an ihnen Arbeit für seinen Arbeitgeber durchgeführt hatte, konnten sie der Geheimhaltung unterliegen.

„Betty, mach eine Spiegelung seiner Medienpanels und hol eine Freigabe für die Daten von Niveum-Kybernetik ein.“

„Wird gemacht, Sergeant Torochew.“

Nachdem das in die Wege geleitet war, hatte er ein paar Minuten Zeit, bis einer Antwort kommen würde. Er startete einen Verbindungsaufbau zu Catherine.

Die Warte-Animation des ComNets erschien auf seinem Optikimplantat. Ein Roboter mit eckigem Kopf, der Kabel in Buchsen steckte. Eine absichtliche Retrodarstellung alter Kommunikationsnetzwerke und längst vergangener Vorstellungen davon, wie Roboter aussehen könnten.

Nach zwei Sekunden zuckte der Roboter mit den Schultern.

„Es tut mir leid, der gewünschte Gesprächspartner ist momentan nicht im ComNet präsent.“

Was?

Torochrew konnte sich nicht daran erinnern, dass sie irgendwann einmal nicht angemeldet gewesen war. Selbst während ihrer Einsätze war sie mit ihrer privaten ComNet-Präsenz immer aktiv. Wenn auch nur, um zu verkünden, dass sie im Dienst war.

Selbst, wenn sie sich gestritten hatten, war sie bisher nie untergetaucht.

Er strengte seine grauen Zellen an, konnte sich aber einfach nicht daran erinnern, wann ihre Schicht zu Ende war. Das war sicher kein gutes Zeichen für die Gesundheit ihrer Beziehung. Ihre Jobs nahmen einfach mehr Raum ein, als sie sollten. Vielleicht war es mal an der Zeit, dass sie ihren angesammelten Urlaub nahmen.

Torochew war schon drauf und dran, Catherine direkt über das ComNet des Sicherheitskorps anzurufen, als es bei ihm klingelte.

Es war Max.

„Hallo Max. Das ging schneller, als erwartet.“

„Hallo Elisa. Ich stehe gerade in der Leichenhalle, um den Körper meines Opfers für den Kreislauf freizugeben. Wie es der Zufall so will, schauen seine Füße unter der Abdeckplane hervor. Rate mal, was für eine Tätowierung er auf der linken Fußsohle hat.“

„Ist das dein Ernst, oder willst du mich auf den Arm nehmen?“

Ein weiteres Signal kündigte das Eintreffen von Bilddaten an und Torochew ließ sie neben dem Gesprächsverlauf anzeigen.

Ein einzelner Fuß, der unter der weißen Plane hervorblickte und den letzten Moment Freiheit genoss, bevor er in seine kleinsten Bestandteile zerlegt wurde. Darauf prangte ein Omega, unter dessen Boden sich eine Reihe schwarze Linien unterschiedlicher Dicke befanden.

„Bei der Spitze der Zitadelle“, hauchte Torochew in die leere Groenwalds Wohnung.

„Ich habe keine Ahnung, was die Striche bedeuten“, gab Max zu. „Aber das Symbol sieht so aus, wie das von dir gesuchte.“

„Die Striche sehen aus wie ein Barcode.“

„Was für ein Ding? Noch nie gehört.“

„Gab es vor dem Eis auf Verkaufsgütern. Enthielten Daten. In etwa, wie unsere ID-Chips. Natürlich primitiver und auf ein Minimum von Informationen beschränkt.“

Max brummte etwas vor sich hin.

„Du hast eine Idee?“, vermutete Torochew. „Dann spuck sie aus!“

„Entweder sie sind antike Androiden, die dem Verkauf entgangen sind, weil die Eiszeit begonnen hat oder es handelt sich um eine Markierung der Menschenhändler der Außenwelt. Die Leute suchen das Abenteuer in einem der illegalen Viertel des äußersten Stadtrings. Dort werden in der Druckluftdusche vor der Kneipe, die sie besuchen wollen von einem Kunden markiert und bei der nächsten Gelegenheit verschleppt.“

Torochew stöhnte.

„Max, du hast zu viel Fantasie. Deine Theorien haben außerdem beide Lücken. Wenn es sich bei meinen beiden Opfern, wenigstens dem letzten, um Androiden handelt, dann um sehr realistische Modelle. Mit perfektem menschlichen Innenleben.“

„Ja, klingt logisch. So einen Androiden habe ich bisher auch noch nie getroffen. Was ist mit Nummer zwei?“

„Warum sollten die Menschenhändler ihre Ware umbringen? Um ihre Identität geheim zu halten? Wir wissen doch genau, dass sie dort draußen sind. Der einzige Grund, dass wir sie noch nicht alle ausgemerzt haben, sind fehlende Ressourcen.“

„Okay, du hast gewonnen“, gab sich Max geschlagen. „Hoffe nur, du findest eine ähnlich spektakuläre Erklärung.“

„Wer weiß, irgendetwas muss hinter dem Symbol doch stecken. Kannst du nachsehen, ob meine beiden Opfer und Haralds Fall auch so eine Tätowierung haben?“

„Von der Frau, deren Unfall Harald untersucht hat, war nicht mehr viel übrig, tut mir leid. Deine müssten aber noch irgendwo rumliegen.“

Geräusche quietschenden Metalls ließen Torochews Haare zu Berge stehen. Max zog die Lagerungsschubladen heraus und nahm keine Rücksicht auf ihre Verbindung. Danach folgte das metallische Klacken, nachdem sie zurückgeschoben wurden und wieder einrasteten.

Endlich eine Pause, in der sich seine strapazierten Ohren ausruhen konnten.

„Oh!“

„Spann mich nicht auf die Folter Max!“

Der bekannte Signalton antwortete an Max‘ Stelle und ein zweites Bild erschien. Es ähnelte dem Ersten. Gleiches Omega, nur der Strichcode unterschied sich.

„Das war Tamachis Fuß“, erklärte Max.

„Wenn Groenwald auch so eine Tätowierung hat, bekommt ihr beiden Spinner doch noch eure Verschwörung.“

Zustimmendes Glucksen.

Einige aufgezogene Schubladen später bestätigte sich die Vermutung.

„Und was bedeutet das jetzt?“, fragte Max.

„Bedeutet, dass ich Leuten unangenehme Fragen stellen werde. Ich muss mich nur noch entscheiden, wer diese Leute sein werden.“

„Du willst das doch nicht alleine durchziehen, oder? Es ist Ewigkeiten her, dass ich einen interessanten Fall hatte.“

„Die Abteilung wird wahrscheinlich keine zwei Ermittler auf den Fall ansetzen. Tut mir leid, aber ich denke ich weiß, wie die Entscheidung ausfallen wird. Dein Opfer ist schon für die Rückführung freigegeben und Haralds bestimmt auch. Ich habe zwei Opfer und die Spur gefunden.“

„Danke, dass du mir Hoffnungen machst“, antwortete Max zerknirscht.

Torochew verstand ihn. Aber selbst wenn sie Freunde waren, würde er den Fall nicht hergeben. Das hätte Max an seiner Stelle auch nicht getan.

„Ich geb dafür die nächste Runde aus, versprochen.“

„Ein schwacher Trost, aber danke. Machs gut.“

Damit klinkte Max sich aus dem Gespräch aus und Torochew stand wieder allein in der Wohnung.

Ob es zwischen den Opfern neben der Tätowierung noch andere Gemeinsamkeiten gab? Ihre Arbeitgeber waren nicht dieselben. Wenigstens nicht Tamachis und Groenwalds. Er bezweifelte, dass der Junge, Max‘ Opfer, bereits einem Beruf nachging. Die Vierte im Bunde war Hausfrau. Das passte nicht zusammen.

Er fügte der Anfrage an die Kommunikationsabteilung noch eine Analyse hinzu, welche Schnittmengen es in ihren Privatleben gab.

Dann tat er, was er schon vor Minuten vor hatte und stellte er eine Verbindung zu Catherines Abteilung her.

„Kommmunikationsabteilung, Lieutenant Sing. Wie kann ich Ihnen helfen, Sergeant Torochew?“, nahm eine piepsige Frauenstimme seinen Anruf an.

Sie musste neu sein, denn er kannte sie nicht. Falls sie, wie die meisten Studenten der Oberwelt den temporären Einsatz in der Kommunikationsabteilung des Sicherheitskorps nur als Feder in ihrer Karrieremappe nutzte, brauchte er sich auch nicht die Mühe machen, sich ihren Namen zu merken.

Torochew wusste, dass er bereits vor Beginn des Gesprächs voreingenommen war und es war ihm egal. Es wurmte ihn einfach, dass er Catherine nicht erreichte.

Wie lange war es jetzt her, dass er sie das letzte Mal gesehen hatte?

„Kann ich Sie um einen Gefallen bitten, Lieutenant Sing?“ Er bemühte sich höflich zu sein, auch wenn ihr höherer Rang lediglich dekorativ war. Auf einem Schlachtfeld ohne Bedeutung. „Können Sie mich mit Lieutenant Hill verbinden?“

„Einen Moment. Könnten Sie mir noch den Vornamen nennen?“

Wie viele Hills konnte es in ihrer Abteilung schon geben? In jeder Kommunikationszentrale saßen doch nur eine Handvoll Kommunikationsoffiziere.

„Catherine.“

Der versprochene Moment zog sich in die Länge und Torochew, der sich auf dem künstlichen Gras niedergelassen hatte, rupfte ungeduldig einzelne Halme aus. Er warf sie in die Luft und sah zu, wie sie sich wieder mit dem Teppich verbanden, als sie den Boden berührten.

„Es tut mir leid“, meldete sich Lieutenant Sings Stimme zurück. „In unserer Abteilung arbeitet niemand mit diesem Namen.“

War sie versetzt worden?

„In einer der anderen Abteilungen vielleicht?“

„Tut mir leid, Sergeant Torochew, ich habe mich unklar ausgedrückt. Ich meine die komplette Kommunikationsabteilung des Sicherheitskorps.“

„Hören Sie, Lieutenant Sing, das muss ein Fehler sein. Ich habe sie doch gestern noch dort erreicht.“

Vielleicht war es auch vorgestern gewesen, bei der vielen Arbeit war es nicht schwer, mal das Zeitgefühl zu verlieren.

„Ich bin dieser Kommunikatzionszentrale jetzt schon drei Wochen zugeteilt und habe sie noch nie gesehen.“

War das ein Scherz? In ihrer Arbeit nicht professionell und vor allem nicht komisch, wie Torochew fand. Wenn man sich mit den falschen Leuten in der Zitadelle anlegte, konnte es durchaus passieren, dass man spurlos verschwand. Eine Spur gab es anfangs noch. Sie führte immer bis zum Rand der Zitadellenstadt und verlor sich dann. Jemand, der in die Außenwelt verschleppt wurde, war quasi unauffindbar.

Torochew und die Außenweltabteilung hatten sich in der Vergangenheit mit den falschen Leuten angelegt. Dass Catherine ein Opfer ihrer Arbeit geworden sein konnte, ließ ihm einen kalten Schauer den Rücken herunterlaufen.

„Das ist nicht komisch“, sagte er kühl in sein Mikro. „Würden Sie mich nun bitte mit ihr verbinden?“

„Sergeant Torochew, ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen helfen kann.“

Ihre Stimme klang ehrlich, sie mussten wirklich Spaß haben, ihn an der Nase herumzuführen. Darauf hatte er einfach keine Lust mehr.

„Ich kann mir vorstellen, dass Catherines Idee, mich etwas zu ärgern, großartig geklungen hat. Jetzt ist aber Schluss mit dem Spaß. Wenn Sie mich nicht sofort mit ihr verbinden, sorge ich dafür, dass Ihre Zeit beim Sicherheitskorps zur Hölle wird!“

Torochews Optikimplantat warnte ihn wild piepsend vor seinem gestiegenen Puls. Als ob diese Maßnahme ihn senken würde.

Er spürte, wie das Blut kochend durch seine Adern schoss. Seine Faust war geballt und hielt ein ganzes Bündel künstlicher Grashalme umklammert.

Wenn sie ihn jetzt immer noch nicht zu Catherine durchstellte, würde er die Kommunikationsabteilung stürmen.

Von der anderen Seite des ComNets hörte er Lieutenant Sings schlucken, bevor sie sich ausklinkte und Sergeant Torochew aufgewühlt zurückließ.

Er atmete tief durch und verwarf seinen Plan, mit gezückter Waffe das Ende seiner Karriere einzuläuten. Stattdessen ließ er sich in das Gras sinken und starrte an den blauen Himmel in Groenwalds Wohnung, über den einzelne Schäfchenwolken zogen. Beide genauso falsch, wie die plötzliche Wut, die in ihm aufgestiegen war.

Wenn Catherine gerade ihre Ruhe brauchte, musste er sie ihr vielleicht lassen.

Er würde jetzt auf den Schießstand gehen und sich dort an imaginären Feinden auslassen. Er wollte nicht als Fall für seine Kollegen enden, wenn er gereizt in diese Ermittlung ging und auf die falschen Leute schoss.

Andeutung 1.4

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Groenwalds Wohnung war unerwartet groß und exotisch ausgestattet.

In der Oberwelt wohnten manche Personen alleine in einem kompletten Wohnkomplex. Auf dieser Etage reichte der Wohlstand dafür zwar noch nicht, aber von den vier Stockwerken, die dieser maß, füllte sein Domizil wenigstens eines vollständig aus.

Echte Fenster auf der Vorderseite zeigten die Straßen, beleuchtet von der virtuellen Sonne, die über die Decke der Etage zog. Ein Junge schlenderte vorbei, musste instinktiv bemerkt haben, dass Torochew ihn beobachtete, und starrte ihn vorwurfsvoll an.

Zu Recht. Er sollte sich lieber um seine Arbeit kümmern, als sich von dieser Illusion gefangen nehmen zu lassen. Deswegen war er schließlich hier. Auch wenn es aus diesem Himmel nie regnete, war ihm die wahre Welt sowieso lieber.

Eine Wiese aus satten grünem Gras bedeckte den Boden des Raumes. Ein programmierbarer Synthetik-Teppich, der je nach Laune seines Besitzers Farbe und Beschaffenheit ändern konnte. Die Halme waren ungeschnitten und wuchsen wild.

Eingerahmt wurde die Wiese von einem dichten Wald. In Wirklichkeit Medienpanels, die mit der Darstellung dreidimensionaler Bäumen seine Wahrnehmung einlullten.

Ob Groenwald es gemocht hatte, barfuß hindurchzulaufen, während das Gras seine Fußsohlen kitzelte? Er war fast versucht, seine Stiefel auszuziehen und es selber zu probieren. Doch das energische Räuspern Bettys erinnerte ihn nun endgültig daran, dass er nicht zum Vergnügen hier war.

„Sergeant Torochew, Sie scheinen zu träumen. Darf ich Sie daran erinnern, wozu wir hier sind.“

„Mach dich mal locker, Betty. Stellst du dir nicht auch ab und zu vor, dass deine Ladestation ein klein bisschen komfortabler sein könnte?“

„Ich weiß nicht, wovon Sie da sprechen, Sergeant.“

Manchmal langweilte ihn Bettys Emotionslosigkeit. Dennoch war sie ein gutes Zeichen. Wenigstens würde sie niemals eine Roboterrebellion anzetteln, nur weil ihr die Farbe ihres Lacks nicht gefiel oder das Leuchten ihrer Scheinwerfer.

Die Frage, womit sich Groenwald daheim beschäftigte, rückte erneut in Torochews Fokus.

Keine Spur seiner Arbeit war hier zu entdecken. Groenwald war weder Gärtner, noch Förster, wie Wiese und Wald vermuten lassen konnten. Nein, er war Administrator des internen Datennetzwerkes der Firma Niveum-Kybernetik.

Natürlich hatte das Klischee der Hacker, die daheim im Keller der Mutter sitzen und vor sich hinarbeiten, bereits Jahrzehnte vor dem Eis seinen Wahrheitsgehalt verloren. Hier war aber nicht die geringste Spur davon zu sehen, womit er seinen Lebensunterhalt verdiente.

Torochew überlegte sich, ob man wohl seinem Zuhause ansah, welchem Beruf die Besitzer nachgingen. Es gab keinen geheimen Raum, dessen Wände Torochew mit Bildern und Hinweisen gepflastert hatte. Auch keine Bindfäden, die den Zusammenhang zwischen den Verbrechen in der Zitadelle anzeigten.

Nein, das gab es nur in den Filmen.

Torochew verwendete dafür ein wandfüllendes Medienpanel, das in ihrem Esszimmer hing. Mit einer Handbewegung konnte er die Informationen verstecken, damit sie ihn nicht, wie eine der Filmfiguren, in den Wahnsinn trieben.

Außerdem konnte Catherine das Medienpanel so auch dazu verwenden, ihre Nahrungszusammensetzung zu dokumentieren.

Catherine. Jetzt wusste er wieder, warum er sich so schlecht auf seine Arbeit konzentrieren konnte. In der nächsten Pause, würde er versuchen, sie auf dem ComNet zu erreichen.

Damit beruhigte er sein nagendes Gewissen und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Tatort.

So wie Torochew die Arbeit verschwinden lassen konnte, die er mit nach Hause nahm, tat das vielleicht auch Groenwald. Die Wohnung wies auf keine Stelle hin, die sich für ein bequemes Arbeiten eignete.

Hätte er die Zeit dazu gehabt, den Raum gründlich zu durchsuchen, hätte er diese kleine Herausforderung sicher genossen. Wäre ihn von einem Ende zum anderen abgelaufen, um seine Maße zu schätzen. Dann dasselbe außerhalb. Doch er hatte schon genug getrödelt.

„Betty, zeig mir den Etagenumriss, im Vergleich mit dem der Zimmer, in denen wir waren.“

„Schon geschehen, Sergeant Torochew“, flötete seine elektronische Assistentin fröhlich.

Wie er erwartet hatte, war er kleiner als die Etage.

Torochew drehte sich in Richtung der verborgenen Kammer und schloss sein biologisches Auge. Die Illusion des Waldes täuschte auch das Optikimplantat. Das waren Medienpanels der besten Qualität. Der Effekt verblasste, als er den Befehl gab, die dreidimensionalen Effekte herauszufiltern.

Bäume zu seiner Linken und rechten schoben sich beiseite, wie um einem König Platz zumachen, der durch ihre Reihen schreiten will. Statt auf einen roten Teppich gaben sie den Blick auf einen braunen, plattgetretenen Pfad frei, der in den angrenzenden versteckten Raum führte.

Torochew folgte ihm und erreichte den Waldrand.

Dahinter verbarg sich kein weiteres Trugbild, nur das nüchterne Standardgrau, in dem alle Bausegmente der Zitadelle gehalten waren, bevor sie verkleidet, bemalt oder beschriftet wurden.

Zwei deaktivierte Medienpanels über einem aufgeräumten Schreibtisch starrten ihn wie die toten Augen ihres verstorbenen Besitzers an. Anders als ihm würde er ihnen wieder Leben einhauchen können. Vielleicht lieferten sie ihm im Gegenzug einen brauchbaren Hinweis auf Groenwalds Grund, diese Welt zu verlassen.

Das Empfangssignal des ComNets ließ ihn innehalten.

Er hatte gerade neue Daten erhalten. Die Technikabteilung war seiner Anfrage nachgekommen und nun lag Groenwalds Bewegungsprofil zur Einsicht bereit.

Mit einem Gedanken waren die trüben Monitore vergessen und das Profil geöffnet.

Torochew fand sich sitzend in eben dem Raum wieder, in dem er momentan leibhaftig stand. Der Monitor war an und zeigte Diagramme, Tabellen und virtuelle Konsolen in denen Befehle ausgeführt und Statusinformationen angezeigt wurden.

Stille erfüllte den Raum.

Groenwald saß scheinbar regungslos da. Tatsächlich bediente er das Medienpanel über eine Gedankenschnittstelle seiner Datenbrille. Kein rhythmisches Klappern einer antiken Tastatur oder wenigstens Sprachbefehle störten die Ruhe der Aufzeichnung.

Ein beunruhigender Anblick, wenn man ihn nicht gewohnt war. Aber er passte gut in das Leben in der Zitadelle. Teilnahmslosigkeit war in jeder Bevölkerungsschicht präsent, nur in verschiedenen Ausprägungen.

Der Mann verweilte bloß kurz bei seiner Arbeit. Ein Alarm zeigte ihm den bevorstehenden Besuch im MedCenter an. Der Bildschirm erlosch und er erhob sich.

Das Medienpanel im Bildausschnitt des Optikimplantats begann weiter unten und die unscharfen Umrisse seiner Nase führten zu einem grotesken Bruch im Display. Groenwald war wohl ein paar Zentimeter kleiner als Torochew.

Torochew widerstand dem Bedürfnis, sich gemeinsam mit Groenwald umzudrehen und seinem Schritt zu folgen. Stattdessen schloss er erneut sein rechtes Auge. Nun sah er nur noch die Aufzeichnung.

Das Zimmer, in dem sich gerade noch ein Wald befunden hatte, war zweckdienlicher eingerichtet. Eine kobaltblaue Küchenzeile mit einem eiförmigen Nahrungssynth, alles durchzogen von eingesunkenen schwarzen Linien. Alles auf stilvoller Höhe der aktuellen Mode.

Daneben stand im absoluten Kontrast ein schmuckloser dunkelbrauner Tisch sowie ein einzelner Stuhl in gleicher Farbe.

Groenwald ließ den Nahrungssynth eine Mahlzeit zubereiten.

Die Kreation Mahlzeit zu nennen, war eine maßlose Übertreibung. Während die meisten Bürger wenigstens auf ein ansprechendes Äußeres ihrer Nahrung bestanden, gab sich dieser Mann mit einem grünen Nahrungsbrei und einem schwarzen Getränk zufrieden.

Beides platzierte er lieblos auf dem Tisch und verschlang es in kürzester Zeit.

Warum stand das im totalen Widerspruch zum ersten Bild, dass Torochew von ihm gehabt hatte, als er den Wald sah? War er nur in Eile gewesen und dieses Verhalten unüblich für ihn?

Am Rand der Aufnahme tauchte eine blutrot blinkende Hinweismarkierung auf.

Der Hinweis war von Dr. Mattheo aus der medizinischen Abteilung. Groenwald hatte an dieser Stelle eine ungewöhnliche große Anzahl schnellwirksamer Kohlenhydrate zu sich genommen.

Auf der schlichten Oberfläche des Tisches erscheinen drei Zettel perlweißen Papiers. So, dass Groenwald sie hätte lesen können. Tatsächlich waren sie aber für Torochew bestimmt. Sie enthielten die empfohlene Nährstoffzusammensetzung nach Diagnose seiner Krankheit, die Zusammensetzung, die am Nahrungssynth von Groenwald geordert wurde und das, was er wirklich geliefert bekam.

Während sich die ersten beiden Tabellen stark ähnelten, fiel die dritte komplett aus dem Raster. Eine weitere Fehlfunktion? Für den heutigen Tag waren das einfach schon zu viele. Hatte es jemand auf Groenwalds Leben abgesehen?

„Wie lange hätte er nach dieser Menge überlebt?“, wandte sich Torochew an Dr. Mattheo, der sich immer noch im ComNet befand.

„Vielleicht zwei oder drei Stunden, bis er in ein Koma gefallen wäre.“

„Danke, Dok.“

Er wäre also auf alle Fälle noch im MedCenter angekommen und dort hätten sie diesen Fehltritt in Windeseile korrigiert.

Er musste das Profil weiter verfolgen, sehen, was danach geschah.

Inzwischen war der Mann mit seiner Mahlzeit fertig und machte sich auf den Weg in die Druckluftdusche. Mit jeder Minute, die verstrich, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Er wurde unsicherer, stieß beim Verlassen der Wohnung sogar gegen den Türpfosten.

Auf der Straße hob er eine Hand vor das Gesicht. Bewegte sie näher heran, wieder weg und fluchte schließlich.

„Hier muss sein Sehvermögen durch den hohen Blutzucker bereits eingeschränkt gewesen sein. Vielleicht nicht stark, aber doch ausreichend, dass er nicht mehr jeden Schriftzug deutlich erkennen konnte. Wahrscheinlich konnte er sich weiterhin nicht mehr auf alle seine Handlungen konzentrieren.“, erklärte Dr. Mattheo aus dem Off.

„Deswegen öffnet Groenwald jetzt sein Navi“, murmelte Torochew zur Antwort. „Bei klarem Verstand hätte er den Weg sicher ohne Hilfe gefunden.“

Was nun folgte, war kurz und tödlich. Das Navi steuerte ihn durch die Straßen, an Menschen vorbei, denen Groenwald auf Hinweis des Navis nur um Haaresbreite auswich, hin zu dem defekten Aufzug. Die Absperrung davor wurde als ein Passant gekennzeichnet, mit dem er zusammenstieß.

Wie verwirrt musste Groenwald da schon gewesen sein, wenn er die nicht mehr erkannte und auch den Schacht in die Tiefe nicht?

Torochew sprang in der Aufzeichnung etwas zurück, bis zu der Stelle, an der die Strecke berechnet wurde, die Groenwald genommen hatte.

Ihm war etwas aufgefallen.

Rechts oben in Groenwalds Brillenanzeige befand sich eine Miniaturkarte mit der ausgewählten Strecke. Diese entsprach kurz nach der Berechnung derselben, die auch Torochews Navi gewählt hatte. Sobald er aber losging, durchlief ein kaum merkliches Zucken die Karte.

Der grüne Pfeil der Route hatte sich um einen Bruchteil verschoben.

Vom funktionierenden Aufzug hin zum defekten.

„Hey Technikabteilung, habt ihr das gesehen?“

Ein bestätigendes ‚Ja‘ tauchte im Kommunikationsverlauf auf. Sie hatten scheinbar keine Lust, mit ihm persönlich zu reden.

„Was ist da passiert?“

Eine Pause von zwei vielleicht drei Sekunden folgte, bis ein weiterer Text im Verlauf erschien.

Fremdzugriff.

Da war er, der Hinweis, den er brauchte. Der diesen vermeintlichen Unfall zu einem Mordfall machte.

„Könnt ihr mir auch verraten, wer das war?“

Diese Information war natürlich nicht im Bewegungsprofil enthalten, konnte aber in den Daten protokolliert sein, die er ihnen geschickt hatte.

Ein virtueller Monitor wuchs aus der Wand, die Groenwalds Wohnung gegenüber lag. Aus dem blickte ihn ein bekanntes Gesicht müde an. Ben Fischer, Mitte dreißig, Halbglatze, ledig. Letzteres war egal, wenigstens ihm, er lebte nur für seinen Job.

„Hallo Elisa.“

„Hallo Ben.“

„Es tut mir leid, ich kann dir nicht sagen, wer auf Groenwalds Datenbrille zugegriffen hat.“

„Und du erscheinst persönlich auf meinem Optikimplantat …“

“ … damit ich dir erklären kann, warum. Und du keinen Killer auf uns ansetzt“, beendete Fischer den Satz trocken.

„Ich hätte erwartet, dass der Zugriff über mehrere Etagen verläuft, mit dem Versuch, unterwegs seine Herkunft zu verschleiern. Eigentlich nutzlos, aber die kriminellen Kids, die das versuchen, sehen das jeden Tag in den Medienkanälen und glauben, dass es funktioniert.“

„Und unser Unbekannter hat es tatsächlich geschafft?“

„Ja. Aber daran ist Groenwald selbst schuld. Seine Wohnung ist im Alpha-Netz eingestöpselt.“

„Alpha-Netz?“

„Ja, das ursprüngliche Netz der Zitadelle. Du solltest echt mal deine Hausaufgaben machen, Elisa.“

„Witzig. Dann währt ihr Teks ja arbeitslos. Und was ist das Problem am Alpha-Netz?“

„Weil eigentlich keine wichtigen Systeme mehr damit verbunden sind, wird es auch nicht überwacht. Was auch nahezu unmöglich ist, das Ding ist virenverseuchtes Sperrgebiet.“

„Großartig.“ Torochew schnaubte enttäuscht.

„Ich wusste, dass dir das gefällt. Sieh es mal so: Jetzt bekommst du endlich wieder Gelegenheit deinen Spürsinn unter Beweis zu stellen.“

Torochew verzog das Gesicht.

„Wenn du Hilfe brauchst, kannst du dich jederzeit melden.“

Damit verschwand Fischers Gesicht vom Monitor und der Monitor von der Wand. Letztendlich löste sich auch die auf, als Torochew das Bewegungsprofil beendete und beide Augen wieder auf das Medienpanel in Groenwalds Arbeitszimmer blickten.

Auf ein Gesicht, dass ihn daraus anstarrte.

Torochew konnte es nicht wirklich erkennen. Wie etwas, dass er versuchte, sich mit geschlossenen Augen vorzustellen, veränderten sich seine Formen, jedes Mal, wenn er glaubte, es endlich erkennen zu können.

Dann verschwand es und nur ein großes bronzenfarbenes Symbol blieb zurück.

Ein Omega.

Er erkannte darin das Symbol, das er in der Segmentüberwachung gesehen hatte.

 

Andeutung 1.3

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Torochew umklammerte mit der rechten Faust den Rahmen der Aufzugstür und lehnte sich weit in den Schacht hinein.

Ein Schwall warmer verbrauchter Lüfterluft hüllte ihn ein, dazu eine Note frischen Eisens und Misstöne jüngerer Körpergerüche. Allein sein Optikimplantat konnte die Quelle erahnen, die sich einige Meter unter ihm, auf dem Dach des Aufzugs befand.

Die Überreste von Leo Groenwald, die ihm den Sturz aus 73 Metern und 22 Zentimetern sichtlich übel nahmen.

Anders als sich Weisz vielleicht insgeheim gewünscht hatte, wurde ihm bei dem Anblick nicht schlecht. Er war schließlich kein Rekrut mehr. Das laue Gefühl in seiner Magengegend fand seine Ursache im Hergang des Todes, der annehmen ließ, dass es sich auch diesmal um keinen Mord handelte.

Groenwald war aus freien Stücken durch die Absperrung vor der defekten Aufzugstür einige Etagen weiter oben gebrochen. Er hatte einen Moment vor dem Abgrund gestanden, als wartete er tatsächlich auf die Tranportgelegenheit und sich dann ruhigen Schritts in den Tod gestürzt.

Eine Drohne des medizinischen Dienstes schwirrte an ihm vorbei, um Beweismittel von den Wänden des Schachtes zu sichern, bevor der Aufzug mit dem Rest des Körpers gemächlich auf Torochew zuschwebte.

Ein entsetztes, mehrstimmiges Raunen empfing Groenwald, als er das Licht von Etage U3 erblickte.

Hier befand er sich schon fast nicht mehr in der Unterwelt, das hatte er nicht bedacht.

„Betty, schließ den Schirm komplett!“

Ein Gurgeln durchlief den roten Schirm und halbdurchsichtige Blasen trieben nach oben. Die Gesichter der neugierigen Bürger verschwanden enttäuscht hinter einer festen Wand aus gehärtetem Synthesepudding.

Nun war er ungestört und konnte sich wieder seiner Arbeit widmen.

Als Erstes ließ er die Kommunikationsaufzeichnungen des Toten durchforsten. Selbstmorde kamen hin und wieder vor. Groenwald stammte zwar aus der Oberwelt, dort waren lediglich die Gründe und die Ausführung anders als bei den armen Schweinen weiter unten.

Das Ergebnis war enttäuschend. Ein fröhlicher Mensch. Hätte am Abend ein Date gehabt und war während seines Todes eigentlich auf dem Weg in ein MedCenter.

Der monatliche Komplett-Check?

Die Gesundheit wurde in der Oberwelt hochgehalten. Die Menschen waren eine aussterbende Rasse, wenn man den Pharmazweigen der Familien glaubte. Wertvolles Leben musste bewahrt werden. So wurden die Menschen dort gut und gerne 120 Jahre alt und waren körperlich und geistig meistens fit, bis sie ihr Ende erreichten. Dann traten Resistenzen gegen die andauernden Behandlungen auf und das Ende kam schnell und squalvoll.

Die Stelle mit den Schmerzen wurde ihnen bei der Unterschreibung ihrer Behandlungsverträge vorenthalten und die behandelnden Meds waren zur Verschwiegenheit verpflichtet. Doch Leute wie Torochew, die in ihrem Beruf mit allen Facetten des Todes in Berührung kamen, erfuhren auch solche Details.

Groenwald Grund für seinen Termin war ein anderer. Diagnostizierter Diabetes, zu dessen Heilung er sich vor seinem Tod auf den Weg gemacht hatte. Wenigstens war das das letzte Ziel, auf das er in der Navigationsdatenbank zugegriffen hatte.

Torochew fischte sich Adresse des Mannes und sein Ziel aus der Datenbank und fütterte sein eigenes Navi damit. Das Ladesymbol erschien, eine Zitadelle, hinter der die Sonne aufging. Erst blutrot flimmernd, dann orange und schließlich stand sie gelb am Himmel darüber. Das Symbol verschwand und machte der Route Platz.

Er ignorierte den Hinweis, dass er sich nicht an der Startposition befand und wechselte in die 3D-Ansicht, beginnend bei Groenwalds Wohnkomplex. Imaginär raste er von dort bis zur Aufzugsgruppe, bei welcher der Mann seinen Tod fand. Die Daten waren aktuell, die Absperrung eingezeichnet.

Sein Navigationsprogramm nahm einen der funktionstüchtigen Aufzüge.

Nun, einen Versuch war es wert gewesen. Manche Menschen wandelten blind durch die Stadt. Wegfindung in der einen Ecke ihrer Datenbrille, ein Film füllte den Rest aus. Vor Kollisionen mit Mitbürgern wurde gewarnt oder sie wurden direkt aneinander vorbeinavigiert, je nach Güte des Programms.

War Groenwalds Datenbrille defekt?

Ein Blick zu seinem Kopf ließ noch einige Stücke der zerbrochenen Brille erkennen. Torochews Optikimplantat fokussierte die und malte einen neongrünen Rahmen um ihre Fragmente, zeigte aber keine Option für einen drahtlosen Fernzugriff.

Vielleicht funktionierte noch eine der anderen Schnittstellen. Dazu würde er sich die Hände schmutzig machen müssen. Wäre Betty nicht mit der Abwehr der Schaulustigen beschäftigt, hätte er sie das erledigen lassen.

Er kniete sich zu dem Toten hinab und zwei weiße Röhrchen wuchsen aus dem Ärmel seines Mantels. Das Dickere der beiden, mit einem Durchmesser von 2 Millimetern, zersetzte die biologische Masse Groenwalds, welche die Schnittstellen der Datenbrille verdeckte, und speicherte sie. Das zweite, ein Datenkabel, verband sich anschließend mit der Brille.

Torochew hatte Glück. Sie befand sich immer noch im Betriebsmodus. So konnte er nicht nur eine komplette Kopie der Datenträger, sondern auch der Momentanspeicher anlegen. Er konnte sehen, was die sie einige Zeit vor dem Tode Groenwalds bis zu genau diesem Augenblick gesehen hatte.

Diese Daten sinnvoll zusammenzusetzen, war eines der Dinge, die er nicht wirklich beherrschte und die ihm auch das Implantat nicht abnehmen konnte. Deswegen schickte er sie an das Labor seiner Abteilung, damit irgendein Tek ihm dort ein Bewegungsprofil Groenwalds erstellte.

Eine weitere Meldung ging an die Meds. Neues Material für den Leichensaal. Er richtete seinen Blick auf Groenwalds Körper, um der Nachricht seine ID und eine Momentaufnahme seiner Biowerte beizufügen, als sich ein roter Warnhinweis an ihn heftete. Einer seiner Werte musste selbst für einen Toten weit außerhalb der Norm liegen.

Es war der Blutzucker.

Klar, wenn der Mann Diabetes hatte, war das verständlich. Torochew war jedoch kein Med und konnte er mit dem Wert nichts anfangen. Das war Aufgabe des Labors.

Es klopfte knisternd gegen den Absperrungsschirm.

„Sergeant, draußen stehen zwei Meds von der Hypothermieabteilung“, kam Betty melodisch seiner Frage zuvor, wer den Sinn einer Absperrung des Sicherheitskorps nicht verstand.

„Die lassen auch keine Möglichkeit aus, mich bei meiner Arbeit zu unterbrechen!“, brummte Torochew. „Mach einen Eingang neben der Wand auf und schließ ihn hinter mir.“

„Sehr gerne, Sergeant!“

Eine durchsichtige Ellipse fraß sich durch das Rot des Wackelpuddings. Erst faustgroß, wuchs die Öffnung so lange, bis Torochew keine Gefahr mehr lief, an der klebrigen Masse hängen zu bleiben. Er machte einen Satz hindurch, zog seinen Mantel glatt und rückte den Borsalino zurecht.

„Meine Herren.“

Die Aufmerksamkeit der beiden Männer, die ihrer Statur nach auch als Schläger der Familien durchgegangen wären, wanderte von der Oberfläche des Schirms zu ihm.

Schwarze Laborkittel, schwarze Stiefel mit Stahlkappen und Handschuhe, die genauso einfallslos gefärbt waren. Zwischen ihnen schwebte eine Bahre, mit der sie Groenwald abtransportieren wollten.

Sie mussten die gleichen Designer, wie das Sicherheitskorps haben. Mit dem Gedanken gewann er der bevorstehenden Auseinandersetzung wenigstens noch etwas Komisches ab.

„Darf ich die Herren darauf hinweisen, dass es sich hier um einen Tatort handelt?“

Med Nummer 1 sah ihn abschätzend an. Er hatte eine auffallend platte Nase, die bestimmt schon einige Prügeleien hinter sich hatte. Von seiner Glatze stach eine Unzahl von Holotätowierungen hervor und buhlte um Torochews Aufmerksamkeit. Missmutig brummte er: „Tatort? So.“

Einfache Handlanger. Gerade noch dazu geeignet, Opfer abzuholen und in die Maschinen zu stecken. Wenn die mal ausfallen sollten, gab es für einen Patienten keine Hoffnung mehr. Gut, dass die Meds des Sicherheitskorps etwas von ihrer Arbeit verstanden.

Die hervorstechendste Holotätowierung war eine Schlange, die sich um seinen Schädel wand und Torochew garstig anzischte. So nahm es sein biologisches Auge wahr. Das Optikimplantat sah lediglich die winzigen Medienpanels, die in seiner Haut verankert waren.

Anders als altertümliche Tintentätowierungen musste man nicht sein Leben lang unter den Folgen einer missglückten Wette leiden oder dem Irrglauben, die eigene Haut würde ewig eine jugendliche Leinwand bleiben. Man konnte sich nach Belieben ein neues Motiv kreieren oder einfach wieder ein Stück Haut auf die Oberfläche des Displays projizieren lassen.

Med Nummer 2 war blass und eine markante Hakennase zierte sein Gesicht. Er trug eine schwarze Schirmmütze, unter der schwarze Strähnen hervorschauten.

Warum stellte die Hypothermieabteilung bloß solche Vogelscheuchen ein? Klar, sie arbeiteten mit den Toten. Aber nachdem sie ihnen wieder neues Leben einhauchten, mussten ihre Mitarbeiter doch nicht wie Leichenbestatter der Voreiszeit aussehen.

Der Blasse schien der Redseligere der beiden zu sein und übernahm für seinen Kollegen, der sich scheinbar nur auf Ein-Wort-Sätze verstand.

„Die Aufzeichnungen seiner letzten Minuten lassen auf kein Einwirken einer weiteren Person schließen“, stellte er mit schneidend dünner Stimme fest.

Torochew hatte kein Problem, sich ihn im Wilden Westen, neben frisch gezimmertem Sarg und mit einem Geier auf der Schulter vorzustellen. „Falls es keine Beweise für einen Mord gibt, würden wir nun retten, was noch zu retten ist.“

„Ich muss sie enttäuschen, meine Herren.“

Torochew verschränkte die Arme vor der Brust.

„Falls es sich nicht um einen Mord handelt, dann wenigstens um Selbstmord. Groenwald hat sich vollkommen freiwillig in den Tod gestürzt.“

„Oh.“ Der Tätowierte nahm diese Information ohne eine sichtliche Gemütsregung an.

Die Hakennase verzog die Mundwinkel, bevor er ein missbilligendes „Und?“ ausspuckte.

„Tja, nachdem ich das erste Mal während meines Dienstes auf eure Kollegen getroffen bin und sie mir einen Strich durch meinen damaligen Fall gemacht haben, habe ich mich informiert.“

„Das ist schön für Sie …“, ließ sein blasser Gesprächspartner den Satz in der Luft hängen.

„Sergeant Torochew.“

„… Sergeant Torochew. Würden Sie uns nun bitte zu unserem Kunden durchlassen. Jede Sekunde, die wir verlieren, macht die Restrukturierung seines Gedächtnisses und seines Körpers kostspieliger.“

Diese Restrukturierung würde auch umfassen, die letzten Augenblicke vor seinem Tod zu löschen. Wer wollte schon mit der Erinnerung an seinen eigenen Tod aufwachen, besonders wenn er mit Sicherheit zielich schmerzhaft gewesen war? Was Gnade für Groenwald bedeuten konnte, waren Steine in Torochews Weg.

Man konnte jetzt das Argument auffahren, dass er sich zwischen einen Mann und seine Rettung stellte. Aber faktisch war er bereits seit einer halben Stunde tot, sein Körper kaum noch als solcher erkennbar.

Falls es sich tatsächlich um Selbstmord handelte, kam außerdem ein weiterer Grund hinzu, warum ihm die beiden Männer in Schwarz den Buckel runterrutschen konnten.

„Überprüfen Sie bei Gelegenheit einmal die Klauseln der Hypothermieverträge. Im Falle eines Selbstmordes ist davon auszugehen, dass der Kunde weder eine Lagerung, noch eine Wiederherstellung seines Körpers oder seines Verstandes wünscht.“

„Aber …“, versuchte es Hakennase, doch Torochew schnitt ihm das Wort ab.

„Viel schlimmer wäre aber, wenn es sich um Mord handelt und mir der Täter entgeht, nur weil zwei Spaßvögel unbedingt versuchen wollen, aus einem Haufen Matsch wieder einen Menschen zu basteln.“

Der Tätowierte knackte mit den Knöcheln seiner Fäuste und funkelte ihn drohend an.

Torochew ließ zur Antwort den Mantel an der Stelle beiseite gleiten, an der seine NH32 hing.

„Behindern Sie mich bei der Arbeit und Sie verbringen die Nacht in einer Zelle.“

Hakennase zuckte mit den Schultern, verzog das Gesicht und zog am Ärmel des Tätowierten, der dem Sergeant provokativ vor die Füße spuckte.

Schläger einer der Familien hätten es wahrscheinlich darauf ankommen lassen. Einen Siko umgelegt, ihn und anschließend die Segmentüberwachung verschwinden lassen. Wobei nur zwei für ihn nicht ausgereicht hätten.

Die beiden waren zudem sicher zu schlecht bezahlt und nicht motiviert genug, eine Auseinandersetzung für einen Kunden zu riskieren, bei dem die Legitimität ihres Auftrags obendrein fraglich war.

Sie zogen murrend von dannen und Torochew wartete auf seine eigenen Kollegen, damit Betty ihn zu Groenwalds Wohnung begleiten konnte.

Andeutung 1.2

Andeutung_1_2.png

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Die Abdrücke seiner schweren Stiefel, Schuhgröße 45, mit dem markanten Logo des Sicherheitskorps, zeichneten sich deutlich erkennbar im Schnee ab.

‚Wir sehen alles!‘

Das war die Botschaft, die es vermittelte.

Wenigstens den Schneefall in den frühen Morgenstunden hatten sie nicht vorausgesehen.

Er stapfte an einem Mann vorbei, der ungläubig in den Himmel starrte, den dicken Flocken entgegen, die auf ihn herabrieselten. Zwei Jungen hinter ihm hatten ihr Staunen bereits überwunden. Sie sausten und rutschten über die bedeckte Straße und hinterließen lang gezogene Schneisen in diesem neuen Element.

Es war das erste Mal, dass es schneite, seitdem die Menschen die Tore der Zitadelle aufgeworfen und sich ins Unbekannte gewagt hatten. In den Dschungel, der die Zitadelle umgab. Sergeant Torochew fand es erstaunlich, dass so kurz nach einer Eiszeit das Leben wieder in diesem Maß florieren konnte. Doch kaum sonst jemand störte sich daran. Nur wenige erinnerten sich überhaupt, wie es damals hier draußen ausgesehen hatte.

Er war das Gegenteil der meisten Menschen auf dieser Straße. Der Schnee war für ihn ein weitaus vertrauterer Anblick, als das exotische Wildleben.

Die Tür des Bürokomplexes seiner Abteilung schwang mit einem monotonen Surren auf und auch im Gebäude hinterließ er Spuren. Diese würden nur einige Sekunden überleben.

Kaum hatte er zwei Schritte getan, rollte ein flacher blauer Reinigungsroboter aus einer Luke neben der Tür. Mit einem schmatzenden Sauggeräusch ließ er Torochews Abdrücke aus Wasser und Dreck verschwinden und verfolgte ihn, bis seine Stiefel auch den letzten widerspenstigen Tropfen Wasser abgeschüttelt hatten.

Medienpanels mit Propaganda des Sicherheitskorps flankierten seinen Weg durch das metallisch weiße Innenleben des Korridors. Sie zeigten, wie seine Kameraden die Bürger vor den Monstern der Außenwelt und den Verbrechern im Inneren beschützten.

Es waren nicht wirklich seine Kameraden, sondern makellose jugendliche Schauspieler. Auf der Straße begegneten den Menschen stattdessen grimmige Kerle in schwarzen Uniformen. Dass ihre Illusion den Weg aus den Empfangshallen nicht überlebte, schien der PR-Abteilung egal zu sein.

Auch wenn es inzwischen sein Arbeitgeber war, blieb er immer kritisch und vorsichtig. Er wusste, dass das Sicherheitskorps weit mehr tat, als die Werbevideos preisgaben. Bei dem Gedanken, dass nichts im Verborgenen blieb, lief ihm regelmäßig ein Schauer den Rücken hinunter. Dass außer Robotern niemand das meiste der gesammelten Daten zu Gesicht bekam, war nur ein schwacher Trost.

Innerhalb der Zitadelle und der Stadtringe, die sie umgaben, war die Überwachung total. In der Außenwelt konnte man ihr entgehen, setzte dafür aber sein Leben aufs Spiel. Keiner konnte das besser bezeugen, als die Außenweltabteilung des Sicherheitskorps.

Er war der einzige Überlebende seiner Einheit, die damals ihre Ausbildung in der Wildnis absolvierte. Einer von Sechs, der zurückgekommen war. Das entsprach der regulären Quote, nachdem die Tore geöffnet wurden.

Selbst die, die zurückkehrten, waren selten unversehrt. Torochew hatte sein linkes Auge eingebüßt, andere ganze Extremitäten. Wenn er seine Kollegen betrachtete, die ihm im Gang begegneten, gab es kaum einen, der nicht ein großes Stück Metall an seinem Körper trug. Damit meinte er nicht die Dienstwaffen.

Die Medienpanels wurden durch die Fensterfronten abgelöst, die einen Blick auf bisher spärlich gefüllte Räume boten. Auch sein primäres Ziel vor Beginn der Arbeit war nicht sein Schreibtisch, sondern der Nahrungssynth vor den Büros der Ermittler. Er brauchte jetzt erst einmal etwas Koffein.

Der Weg dorthin wurde ihm von Harald und Max versperrt, zwei Veteranen, die einige Jahre mehr auf dem Buckel hatten, als er selbst.

Haralds rechtes Bein wurde von einer Vetianischen Riesenechse als Zwischenmahlzeit vernascht. Seine Kameraden hatten ihn unter Verlust des halben Trupps nach Hause geschleppt. Danach wusste das Sicherheitskorps, dass man besser schweres Geschütz mitnahm, wenn man sich in den Dschungel trauen wollte.

Die Bionik war zu seinem Glück bereits seit Jahren ausgereift. Wenn man es nicht wusste, bemerkte man die Prothese nicht, die er trug. In Sachen Leistungsfähigkeit stand er deswegen keinem Siko etwas nach.

Auch Max sah man die künstliche Haut, die sein Gesicht fast vollständig bedeckte, nur an, wenn das Licht im richtigen Winkel darauf fiel.

„Guten Morgen Elisa!“, rief ihm Harald zu.

„Morgen“, grummelte Torochews kaum verständlich. Seine Kommunikationsbereitschaft nach dieser viel zu kurzen Nacht lag gegen Null.

„Du siehst blendend aus!“, stellte Max mit einem Hauch Ironie fest. „Hattest einen Einsatz heut Nacht?“

„Tek, Tod durch Stromschlag.“ Mit diesen Worten schob sich Torochew zwischen den beiden durch und ließ den Nahrungssysnth einen dicken Becher schwarzen Kaffee auspucken.

Die Maschine stellte sowohl den Becher, als auch seinen dampfenden Inhalt selbst her. Aus Ressourcen, die in einem niemals versiegenden Strom durch die Leitungen der Zitadelle gepumpt wurden. Hatte er sein Getränk geleert, würde er den Becher in einem der weißen Metallzylinder entsorgen. Dort würde er erneut in seine Bestandteile zerlegt und dem System beigefügt werden.

Das war der Kreislauf, der die Zitadelle seit Ewigkeiten am Leben hielt. Besonders die letzen 50 Jahre in Isolation, als die Kälte so schlimm wurde, dass niemand mehr ihr Habitat verlassen durfte.

Mit dem heißen Getränk in den Händen gesellte sich Torochew zu seinen Kollegen.

„Ein Unfall?“, fragte Harald.

„Sieht so aus. Auch wenn sehr viel Zufall im Spiel zu sein scheint.“

„Wir Alten werden wohl nur noch mit Unfällen abgespeist.“ Max lachte trocken.

Torochew zog die Augenbraue über seinem biologischen Auge nach oben und blickte die beiden fragend an.

„Ich hatte gestern einen“, beantwortete Max den Blick. „Ein Jugendlicher, der von seiner Datenbrille gegrillt wurde. Und musste eine Hausfrau vom Boden aufkratzen, deren Haushaltsroboter nach einer Überhitzung explodiert ist.“

Der Sergeant warf einen Blick in die Richtung, in der der Reinigungsroboter gerade verschwunden war.

„Das muss an den neuen Ressourcen liegen“, mutmaßte Harald. „Die Familienkonzerne bekommen sie billig aus der Außenwelt. Nur so können sie die gestiegenen Luxusbedürfnisse der Unterwelt nach der Toröffnung befriedigen.“

„Glaubst du das wirklich?“, hakte Torochew nach. „Was sagt denn der Major dazu?“

„Nichts. Das ist eine ganz frische Theorie. Oder“, Harald kniff verschmitzt das Gesicht zusammen, „es gibt einen Aufstand der Haushaltsgegenstände. Nicht mehr lange und die Maschinen herrschen über uns!“

Torochew verschluckte sich fast an seinem Kaffee und prustete.

„Leute, ich glaube, wir müssen noch einmal über unseren Medienkonsum reden.“

Als Ermittler hatten sie Zugriff auf die meisten Datenbanken. Antikes Filmmaterial. Er sah sich am liebsten alte Kriminalserien an. Catherine fand das schräg, war seine eigene Arbeit doch viel näher an der Realität.

„Na wenigstens wissen wir so, dass die Zukunft noch viel düsterer aussehen könnte“, gab Harald zu bedenken.

„Du wärst sicher der Erste, der sich freuen würde, mit einer Schrotflinte gegen die Maschinen in den Krieg zu ziehen“, stellte Torochew trocken fest.

Bei der Anspielung auf ihre Hobbys kamen ihm ganz eigene Bilder in den Sinn. Ein Schlachtfeld im Inneren der Zitadelle. Verbranntes Fleisch, Schreie, verschmorte Elektronik.

„Ich habe diese Erfahrung bereits gemacht und muss dir sagen, dass er kein Spaß ist. Die Viecher draußen haben wenigstens Instinkte und laufen weg, wenn es schlecht für sie aussieht. Roboter?“ Er biss die Zähne zusammen. „Denen ist das egal. Schieß ihnen ins Bein und sie humpeln weiter auf dich zu. Zucken nicht mal mit der Wimper und brechen dir dann den Hals.“

„Du bist heute aber finster drauf, Elisa.“ Max legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm.

Er schüttelte die Hand ab, so wie er es mit der Erinnerung versuchte.

Eine Revolte fanatischer Regierungsgegner, die es geschafft hatten, unter dem Radar eine Armee an Robotern aufzubauen. E0, die Etage, auf der sich damals der Rat und das Hauptquartier des Sicherheitskorps befanden, lag danach in Schutt und Asche.

Torochew wäre an diesem Tag um ein Haar gestorben. Sein heutiger Boss, der Major, hatte ihm das das Leben gerettet. Das war der Grund, warum er ihm in die Außenwelt gefolgt war und ihm auch heute noch treu zur Seite stand. Selbst wenn ihre Abteilung oft in der Kritik der Mächtigen stand.

Er und seine Kollegen, sie waren unbequem. Verfolgten auch die großen Familien, wenn sich Spuren ergaben. Prangerten die Misstände in den anderen Abteilungen an.

Er sagte sich gerne, dass sie durch ihr Training in der Außenwelt zusammengeschweißt wurden. In einer Gruppe, in der das Leben jedes Einzelnen von seinen Kameraden abhing, konnte es doch keinen Nährboden für Verrat geben. Aber das war ein kühner Traum. Korruption gab es auch in der Außenweltabteilung. Nur dort überlebte sie nicht lange. Der Major griff hart durch.

„Tut mir leid, wenn ich alte Erinnerungen aufgewirbelt habe“, entschuldigte sich Harald und vertrieb die Gedanken an die Vergangenheit komplett.

Torochew schüttelte den Kopf und atmete durch.

„Ach was, du hast nichts getan. Ich glaub, ich brauch nur wieder einen richtigen Fall, der mich mit einem Erfolgserlebnis zurücklässt. Nicht nur Unfälle oder Kleinkriminelle in den Ruinen.“

„Du könntest mit diesem Wunsch mehr Glück haben, als wir. Stehst ja noch nicht mit einem Fuß auf dem Abstellgleis.“ Harald klopfte sich bedeutungsvoll mit der Hand gegen die Seite seiner Prothese und zwinkerte ihm zu.

Das ComNet begann zu piepen und Torochew zeigte entschuldigend auf sein Ohr, bevor er sich von der Gruppe entfernte.

„Catherine?“, fragte er hoffnungsvoll und erntete einen Moment voll Schweigen.

„Wer? Tut mir leid. Weisz hier. Ist ihre Datenbrille abgeschaltet, Sergeant Torochew?“

Die meisten anderen Sikos trugen Datenbrillen, die ihnen den Status ihre Ausrüstung und Umgebung, sowie Karten und Kommunikation anzeigten. Bei Torochew erfüllte sein Optikimplantat diese Aufgabe. Da er bis eben noch außer Dienst war, war lediglich die Funktion der Umgebungswahrnehmung aktiv.

Einen Gedanken später füllte sich seine linke Sichthälfte mit allerlei nützlichen Informationen, unter anderem auch dem Gesprächsverlauf mit Kommunikations-Sergeant Weisz.

Nach all den Jahren gab es immer noch eigene Sprachen und Akzente in der Zitadelle. Dieser Verlauf, der die Gedanken der Beteiligten direkt in Text umwandelte, diente als zusätzliche Absicherung, um Missverständnisse zu vermeiden. Außerdem gab es eine Vielzahl an Szenarien, in denen nicht gesprochen werden konnte oder durfte.

„Habe gerade erst den Dienst aufgenommen. Sprechen Sie, Sergeant Weisz.“

„Sie haben einen neuen Auftrag. Ich sende Ihnen die Koordinaten.“

Mit einem melodischen Empfangston gingen die Informationen ein und Weisz fügte hinzu: „Ich hoffe, Sie haben noch nicht gefrühstückt.“

Andeutung 1.1

Andeutung_2_0.png

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Sein erster Gedanke bestand darin, seine Waffe zu ziehen, eine Norintek Hybrid 32.

Die NH32 verfügte über zwei Einsatzmodi. Sie verschoss Projektile, die über das Plättchenmagazin synthetisch hergestellt wurden. Verbunden mit einer Datenbrille oder in Torochews Fall, seinem Optikimplantat, konnte die Art der Geschosse an das Ziel angepasst werden.

Im zweiten Modus gab sie Energieladungen variabler Stärke ab. Damit setzte er wildgewordene Roboter oder flüchtende Verbrecher außer Gefecht.

Es war ein neueres Modell. Erst mit der Erschließung der Außenwelt hatte sich die richtige Bewaffnung als lebensnotwendig erwiesen und die Waffenproduktion wieder zu einem profitablen Wirtschaftszweig gemacht.

Er ermahnte sich, dass er sich hier nicht in der Außenwelt befand und seine Überlebensinstinkte traten den Rückzug an.

Selbst wenn dort unter dem Tisch eine weitere Leiche auf ihn wartete und der potenzielle Mörder auf der Lauer lag, war Torochew gepanzert. Wenigstens gut genug, dass ihn nichts auf dieser Ebene ernsthaft verletzen konnte.

Den Bürgern hier unten waren Waffen gestattet, etwa den Minenarbeitern, damit sie sich gegen die Schrecken der Tiefe verteidigen konnten. Das waren im Vergleich zu seiner Ausrüstung aber nur Museumsstücke. Vollkommen ungefährlich für ihn.

Außerdem war der Mann, dem die Beine gehörten, noch keine Leiche. Das bewies er, als er sich mit einem kräftigen Stoß hervorschob.

Ein junger Kerl kam zum Vorschein. Er trug Lederklamotten, in die unzählige werkzeuggefüllte Taschen eingearbeitet waren. Ein seltener Anblick, die meisten Menschen hier unten trugen billiges Synthetikzeug. Das musste eine Spezialanfertigung sein. Ein Scan seines Optikimplantats zeigte ihm die Zusammensetzung, die sich nahezu vollständig als Riesenrattenleder herausstellte. Eine hartnäckige Plage, die das Kanalsystem der Unterwelt heimsuchte.

Der enttäuschte Blick des jungen Mannes richtete sich erst auf eines der Medienpanels, sprang aber erstaunt zum Sergeant, als er ihn entdeckte.

Trotz seines jugendlichen Gesichts machte er einzelne graue Strähnen in seinen Haaren aus. Die fielen, anders als bei den üblichen Kurzhaarschnitten der Armen, fast über Augen und Ohren.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Das wäre zu schön, um wahr zu sein, ging es Torochew durch den Kopf.

„Sergeant Torochew, Ermittler im Todesfall Tamachi.“

„Sicherheitskorps?“ Seine Augenbrauen hoben sich und verschwanden gänzlich unter den Haaren. „Ganz ohne Uniform? Und Tamachi ist tot? Der war doch gerade noch hier.“

Torochew trug, seit er diesen Posten bei der Außenweltabteilung bekommen hatte, keine Uniform und Rangabzeichen mehr. Sorgte nur dafür, dass die Täter auf dumme Ideen kamen, wenn er auftauchte.

„Tamachi ist an einem Stromschlag gestorben. Ich hatte gehofft, hier herauszufinden, wie das geschehen konnte, ohne dass die Segmentüberwachung eingegriffen hat.“

Der Name des Jungens, Pierre Borque, tauchte auf einem Farbklecks neben seinem Kopf auf und der Sergeant unterdrückte den weiteren Informationsfluss des Zitadellennetzwerks.

Stattdessen aktivierte er den Verhörmodus. Gestik, Mimik und Puls wurden auf Anzeichen untersucht, die den Wahrheitsgehalt seiner Antworten untermauern oder sie als Lüge entlarven konnten.

„Das mag jetzt komisch klingen.“ Er zog einen seiner Mundwinkel zu einem verlegenen Grinsen zur Seite. „Er war hier und hat erzählt, dass er Arbeiten an einem Verteilerpanel durchführen muss. Mitten in der Nacht. Kurz danach war hier alles tot.“

Genau wie Tamachi. Es klang unglaubwürdig, dass dies zufällig zur gleichen Zeit geschehen war. Schien aber die Wahrheit zu sein.

„Wer führt hier unten die Reparaturen aus, wenn kein Tek auftaucht?“, ging der Sergeant nun den Punkt mit der überbrückten Sicherung an.

„Ein paar Leute, unter anderem ich selbst.“

Torochew musterte das Werkzeug in seinen Ledertaschen. Kaum eines war mit einem ID-Code versehen, es handelte sich hauptsächlich um Eigenbauten.

„Haben Sie auch Reparaturen am Verteilerpanel durchgeführt?“

Sein Gesicht wurde bleich und die Haut, die weiß unter den Haarsträhnen hervorblitzte, erinnerte an das Fell eines Zebras. War Torochew der Löwe, der es erlegte?

„Nein“, antwortete er zögerlich.

Der Sergeant ging in die Knie, um die Arbeit unter dem Tisch zu inspizieren.

Das Implantat passte die Helligkeit automatisch an und Torochew zoomte einen Ausschnitt näher heran. Er schloss sein biologisches Auge. Ansonsten würden die sich widersprechenden Bildern ihn mit einer Ladung Kopfschmerzen zurücklassen.

Ein technisches Analyseprogramm hob die Stellen, an denen Pierre gearbeitet hatte, durch rote, durchsichtige Kreise hervor. Ohne den Hinweis wären sie ihm nicht aufgefallen.

„Außerordentlich gute Arbeit“, lobte er ihn.

Unmöglich, dass er für den Pfusch verantwortlich war, der Tamachi das Leben gekostet hatte.

„Warum arbeiten Sie hier und sind noch nicht Mitglied der Technikabteilung?“

„Wenn das so einfach wäre, Sergeant. Ein Tek pro Etage, manchmal einer für mehrere. So ist das in der Unterwelt. Es ist echt selten, dass eine neue Stelle frei wird. Und dann nützt einem all sein Können nichts, wenn man nicht die richtigen Kontakte hat.“

Torochew nickte zustimmend. Das galt für alle Bereiche der Zitadellenstadt. Selbst im Sicherheitskorps. Vor allem für die begehrten Plätze innerhalb des Hauptturms. Allerdings führte diese Erkenntnis zu einem neuen Verdacht.

„Sie sind nicht zufällig auf seinen Posten scharf gewesen und haben nachgeholfen, dass er frei wird?“

Pierre lachte. Ein ehrliches Lachen, ungespielt.

„Was würde sich ändern? Ich wäre immer noch auf dieser Etage.“

Eine Sekunde Pause, eine weitere, dann fuhr er fort.

„Ich habe ein besseres Motiv für Sie, Sergeant. Ich war sauer auf ihn, weil hier so selten ein Tek auftaucht.“

Gespielte Überraschung überzog sein Gesicht.

„Ah, Moment. Ihn ins Jenseits zu befördern, würde die Situation ja kaum verbessern.“

Trotz des Schauspiels schlug der Lügendetektor nicht an. Das hatte Torochew auch nicht erwartet. Er war das ganze Gespräch über ruhig gewesen. Falls es einen Schuldigen gab, Pierre Borque war es nicht.

„Verstehe. Wissen Sie, wer vor ihm den Reparaturversuch unternommen hat?“

Ein Warnhinweis tauchte am Rande Torochews Blickfeldes auf, noch bevor der junge Mann zur Antwort ansetzte. Nun würde er doch lügen.

„Das muss der alte Hagen gewesen sein. Der ist aber vor zwei Monaten in einen Kanalisationsschacht gestürzt und hat sich den Hals gebrochen.“

Torochew wollte ihn gerade ermahnen, die Wahrheit zu sagen, dass ihm keine Lüge entging. Das plötzliche Aufflackern der Medienpanels hielt ihn davon ab. Für einen Sekundenbruchteil erschien ein Gesicht darauf und ein Symbol. Dann füllten Kameraanzeigen und Lagepläne die Wände.

Was war das gewesen? Das Gesicht hatte er kaum erkennen können. Und das Symbol? Ein Hufeisen? Das Optikimplantat hatte die Bilder aufgezeichnet. Das musste er sich später genauer ansehen.

„Ihre Reparatur scheint ein Erfolg gewesen zu sein. Vielleicht sollten Sie Ihren Freund, der am Verteilerpanel herumgepfuscht hat, ein paar Unterrichtsstunden geben.“

Pierre Borque zuckte mit den Schultern. „Nicht, dass er noch davon profitieren könnte.“

Seine Augen zeigten aber, dass er den Wink verstanden hatte. Dass Torochew gnädig war und ihn vom Haken ließ.

Im schlimmsten Fall konnte dem Übeltäter eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung drohen. Wahrscheinlich würde sich aber niemand dafür interessieren. Es war günstiger für das Sicherheitskorps, Tamachis Tod als Unfall abzuschreiben, statt den Aufwand der eindeutigen Aufklärung zu betreiben.

Er spielte mit dem Gedanken, den Jungen überwachen zu lassen. An einem schlechten Tag konnte das damit enden, dass ein genervter Kollege einfach eine Reihe Unschuldiger zu unbezahlten Mineneinsätzen verdonnerte. Falls er seinem Freund jedoch wirklich zeigte, was er für einen Mist gebaut hatte, und er daraus lernte, würde U127 davon profitieren.

Außerdem fiel technischer Pfusch nicht in seinen Aufgabenbereich. Eine Ausrede, die andere Kollegen nutzten, um sich vor Arbeit zu drücken, würde ihm helfen, den Druck des Systems auf diese Menschen zu lindern.

Wäre er auf wirkliche Anzeichen für einen Mord gestoßen, hätte Torochew selbstverständlich nicht locker gelassen. Aber das Ganze sah nach einer Verkettung unglücklicher Zufälle aus. Nur die Bilder auf den Medienpanels verursachte ein unbehagliches Gefühl in ihm.

„Eine Sache noch“, wandte er sich ein letztes Mal an Pierre. „Was hatten das Gesicht und das Symbol zu bedeuten, die gerade auf den Medienpanels zu sehen waren? Eine Startsequenz?“

„Nein, Sergeant.“ Er hob verwundert die Augenbrauen. „Haben sie noch nie davon gehört? Wir sind hier immer noch mit dem ursprünglichen Netzwerk der Zitadelle verbunden, dem Alphanetz. Manche sagen, ein virtueller Geist würde darin sein Unwesen treiben. Zeigt immer mal wieder sein Gesicht auf einem Bildschirm. Ein Virus vielleicht, um das sich niemand mehr gekümmert hat. Inzwischen wird in den meisten Bereichen der Zitadelle nur noch die neue Infrastruktur verwendet.“

Das mit dem Geist war ihm neu, den Rest kannte er.

Für eine Ewigkeit war die Zitadelle von Eis umgeben. So kalt, dass jeder Mensch erfror, wenn er nur einige Schritte hinaus trat. Deswegen wurde der Weg nach draußen versiegelt. Die Zitadelle war speziell dafür konstruiert worden, den Menschen eine Zuflucht vor dem Eis zu bieten. Eine autarke Megastadt, die 1,5 Millionen lebende Seelen beherbergte und eine unbekannte Anzahl, die noch im Kälteschlaf schlummerte.

Bis vor etwas mehr als einem Jahr vom Rat verkündet wurde, dass die Eiszeit beendet war. Ein großes Medienspektakel läutete ein neues Zeitalter für sie alle ein. Auch für ihn.

Das wirkte sich auch auf das Netzwerk aus. Es zeigte, dass es veraltet war und nicht ausreichte, Kommunikation und Datenzugriffe für die neu entstehenden Stadtringe und Siedlungen zu liefern. In der Eile wurde ein neues Netzwerk aufgebaut und das alte zurückgelassen. Es gab genug Ressourcen dort draußen, und man konnte es sich leisten.

„Ein Geist?“ Torochew lachte. „Gut, dass ich Siko und kein Geisterjäger bin. Einen schönen Tag noch.“

Er hatte eine plausible Antwort erhalten und schüttelte das Unbehagen ab.

Der Junge murmelte, dass es noch mitten in der Nacht sei, doch das Rauschen der Türautomatik verschluckte den Rest seines Protestes.

Vor der Tür gesellte sich Betty wieder stumm zu ihm. Sie musste langsam auf ihn abfärben, wenn er schon nicht mehr zwischen Tag und Nacht unterscheiden konnte.

Die Zeitanzeige im Auge ließ ihn darauf hoffen, noch etwas Schlaf zu bekommen, bevor der reguläre Dienst begann.

Auf dem Heimweg gleichte er sich den anderen an, die unterwegs waren. Stellte die Umgebungsanalyse ab und den Tunnelblick ein. Wie ein Trüber, nur mit dem einen Ziel vor Augen.

Er erreichte eine der Aufzugsgruppen, die ihn hinauftragen würden, weg aus dem Reich der ewigen Dämmerung. Als er die Zitadelle verließ und hinaus in den ersten Ring trat, der den gigantischen Turm umgab, empfing ihn frische und kühle Luft. Sie weckte eine weitere Erinnerung aus vergangenen Tagen, die er noch nicht zuordnen konnte.

Er nahm einen tiefen Atemzug und genoss sie. Endlich nicht mehr das gefilterte Zeug, das nun schon seit Jahrzehnten wieder und wieder aufbereitet wurde.

Verblassende Sterne am Himmel und der Mond, der seiner Bahn folgte, zeigten ihm, dass er wirklich draußen war. Sie waren wie Vertraute für ihn, die ihm während seiner Ausbildung in der Außenwelt beigestanden hatten. In den oberen Etagen gab es auch einen Sternenhimmel, der nicht mehr als eine Kopie der Zeit vor dem Eis war. Wenn Torochew den ansah, fragte er sich, wie die Menschen dort jede Nacht einer Lüge aufsitzen konnten.

Die Unterschiede waren nur gering und wenige, doch sein Implantat nahm sie wahr. Ein Astronom hätte ihm wahrscheinlich genau sagen können, wie viele Jahre zwischen diesen Aufnahmen des Sternenhimmels und der Art, wie er ihn heute erblickte, vergangen waren.

Doch ihm reichte das Wissen, dass seine Vergangenheit vor dem Eis weit genug zurücklag, dass sie keine Bedeutung mehr für ihn hatte. Das sollte er sich wenigstens immer vor Augen halten.

Er erreichte den Wohnkomplex, in dem Torochew und seine Freundin Catherine eine kleine Wohnung ihr Heim nannten. Als er den Eingang durchschritt, legte er die Rolle des Ermittlers ab. Hier wurde aus Sergeant Torochew nur noch Elisa.

Ein Druck auf den Knopf am Kragen seines Mantels setzte den Komprimierungsprozess in Gang. Faden für Faden verschwand surrend im Nirwana, bis nur noch Fransen an seinem Körper herunterbaumelten. Selbst die wurden einen Augenblick später gierig vom Knopf aufgesogen und gespeichert.

Ihm kam das immer noch wie Zauberei vor, auch wenn man ihm weißmachen wollte, dass er mit dieser Technik aufgewachsen war. Synths, die ihnen Nahrung, Kleidung und Gebäude scheinbar aus dem Nichts erschufen. Natürlich erschienen sie nicht tatsächlich aus dem Nichts. Für alles wurde komprimierte Materie verbraucht, die in Synth-Knöpfen oder dem Kreislauf der Zitadelle gespeichert war.

Er verstand nicht, wie es wirklich funktionierte, auch wenn sie immer wieder versuchten, es ihm zu erklären. Das war so nutzlos, wie einem Neandertaler Elektrizität verständlich zu machen. Ein zutreffender Vergleich übrigens. So viele von ihnen waren Steinzeitmenschen, die in der Zukunft aufgewacht waren. Die meisten merkten es nur nie.

Das Schlafzimmer war leer, das Bett gemacht und die Matratze kalt.

Catherine musste ebenfalls zur Arbeit gerufen worden sein. Ungewöhnlicher als bei ihm, aber nicht unmöglich. Sie arbeitete in der Kommunikationsabteilung des Sicherheitskorps. Falls ein großer Einsatz anstand, brauchte man mehr Kommunikatoren, welche die Sikos mit Lageplänen, Feindpositionen und anderen Informationen versorgte.

Er komprimierte nach und nach die restlichen Kleidungsstücke, bis er nur noch in Unterwäsche dastand und kroch unter die Decke.

Er würde sich so viel Schlaf holen, wie er konnte. Bis ihn der Wecker erneut unbarmherzig zur Arbeit trieb.

Andeutung 1.0

Hintergrund.pngEr wusste, wie diese Szene damals ausgesehen hätte.

Gelbes Absperrband, das Unbefugte vom Ort des Geschehens fernhielt. Menschen in weißen Ganzkörperkondomen, die emsig jedes Haar, jeden Fingerabdruck und alles andere katalogisierten, sei es nun verdächtig oder einfach nur da.

Ihn würde man hineinlassen und mit gedämpfter Stimme darüber aufklären, was geschehen war. Wer der tote Körper vor seinem Dahinscheiden gewesen sein mochte und was es bereits für Hinweise gab. Er würde Gegenfragen stellen, die seine gesammelte Erfahrung und seine ausgeprägte Kombinatorik erahnen ließen.

Den Täter zu finden, wenn es sich denn um einen Mord handelte, wäre nur noch Formsache.

Doch diese Art des Vorgehens lag Jahrzehnte zurück. Vielleicht auch Jahrhunderte, da war sich niemand genau sicher. Die Welt befand sich in der postarktischen Epoche. Der Fortschritt hatte einmal mehr die Handarbeit ganzer Berufsgruppen überflüssig gemacht und so begrüßte ihn lediglich Betty, mit süß säuselnder Stimme.

„Guten Tag, Sergeant Torochew.“

Betty war seine private Multifunktionsdrohne. Für sie war jeder Tag ein guter. Ihr machte es nichts aus, um 3 Uhr nachts aus dem Bett gerissen zu werden, weil das Gesetz, dem Verbrechen gleich, nicht ruhen durfte.

Er beschwerte sich nicht, es war sein Job. Wenigstens hatte seine Aufgaben noch kein Roboter übernommen.

Beweise konnten sie sichern, den Tatort absperren und Verdächtige festhalten. Aber es fehlte ihnen das gewisse Etwas, um kriminalistisch logische Schlüsse zu ziehen oder die Menschen, samt ihren verworrenen Motiven zu durchschauen.

Den Tatort hatte Betty bereits mit einem Kraftfeld abgeschirmt. Torochew berührte es mit dem Zeigefinger. Eine Welle breitete sich träge vom Punkt der Berührung aus und erinnerte ihn an den Wackelpudding, den es in seiner Kindheit gelegentlich zum Nachtisch gegeben hatte. Er trat hindurch und spürte statt Kirschgeschmack nur ein elektrisierendes Kribbeln auf seiner Zunge.

Die Abgrenzung war nicht mehr als Routine, denn Schaulustige mussten sie keine vertreiben. Hier in der Unterwelt der Zitadellenstadt interessierte sich kaum jemand für einen Toten. Die wenigen Leute, die um diese Zeit noch unterwegs waren, schlurften mit getrübtem Blick an ihm vorbei. Konzentriert auf ihre Arbeit oder in Erwartung des nächtlichen Unterhaltungsprogramms. Den Tod des Mannes hatte niemand von ihnen gemeldet, aus denselben Gründen. Er fiel keinem auf. Stattdessen war diese Meldung automatisch im Büro des Sicherheitskorps eingegangen, dem er nun seit über einem Jahr als Ermittler diente.

Jeder Bürger der Stadt trug einen winzigen Identifikationschip in seinem Kopf, der ihm Türen öffnete und Zugang zu Waren und Essensrationen des Nahrungssynths verschaffte. Er war mit diversen Datenbanken verknüpft und fütterte sie neben dem Bewegungsprofil des Trägers, auch mit seinen Gesundheitszustand. Hier zeigte sich wieder einmal, dass diese Informationen unfehlbar waren.

Torochew betrachtete die Leiche eingehender und es schoben sich kleine farbige Notizzettel in sein Sichtfeld. Schwebten unwirklich über dem Körper und zeigten seine aktuelle Biowerte, Temperatur und Puls. Letzterer – eine blaue Linie auf schwarz-weiß-gerastertem Untergrund – war nichtexistent. Die hellrot verblassende Körperwärme wies darauf hin, wie lang der Mann inzwischen tot war. 23 Minuten und 17 Sekunden. Die Zahl stieg in unregelmäßigen Schritten an, war sie doch mehr eine Schätzung, als ein tatsächlicher Fakt. Selbst die Datierung seiner aussetzende Lebensfunktionen, mit der ihn das Zitadellennetzwerk hierhergelockt hatte, war mit Vorsicht zu genießen. Grund dafür war die Todesursache.

Ein blauer Hinweis mit einem Namen entfaltete sich knisternd auf der Anzeige seines Optikimplantats.

Der Mann hieß Sai Tamachi. Er war Mitglied der Technikabteilung und an einem Stromschlag gestorben. Es konnte eine unbekannte Zeit vergangen sein, bevor sich sein Körper von der Quelle gelöst hatte und die Ortung seines Chips wieder funktionierte.

Ein Unfall? Unter sehr unwahrscheinlichen Bedingungen, aber nicht unmöglich. Es gab eine Reihe von Schutzmechanismen, die das eigentlich verhindern sollten. Die Sicherungen des Verteilerpanels, an dem er gearbeitet hatte, sein isoliertes Werkzeug, die Ableitung in seinem Anzug oder die Überwachungssoftware dieses Etagensegments.

Torochews Blick wanderte zum geöffneten Verteilerpanel.

Er befand sich in der Unterwelt. Selten kümmerte sich hier unten einer der blassgrün uniformierten Techniker um triviale Reparaturen. Stattdessen sorgten Bastler dafür, dass die Welt sich weiterdrehte. Es sprach sich herum, wie man gewisse Dinge am Laufen hielt. Wenn man Glück hatte, war ein Genie am Werk, das selbst mit ungeeigneten Ersatzteilen ein Wunderwerk vollbringen konnte. Das war hier nicht der Fall.

Ein grobschlächtiges Metallkonstrukt funkelte Torochew anstelle der Sicherung an. Warf ihm frech entgegen, dass es hier nicht mehr verschwinden würde, selbst wenn das Leben eines Mannes davon abhing.

Diese provisorische Reparatur war bereits Monate alt. Wenn es sich um einen Mord handelte, dann um einen wirklich langfristig geplanten. Der Täter hätte in Kauf genommen, in der Zwischenzeit auch andere Menschen zu gefährden und am Ende nicht einmal sein eigentliches Ziel zu treffen.

Werkzeuge und Anzug des Technikers waren verschmort.

Wie bei den Sikos, so wurden die Mitarbeiter des Sicherheitskorps kurz genannt, schwankte auch die Qualität der Ausrüstung, mit der die Teks ausgestattet waren. Arbeitete man in der Oberwelt, war sie top. Je höher die Nummer der Unterweltebene wurde, der man zugeteilt war, desto schlechter wurde sie.

Tamachis Werkzeuge hatten einen langen Gebrauchsweg hinter sich, wie die Listen verrieten, die – nur sichtbar für sein linkes Auge – mit imaginären Fäden an ihnen befestigt waren. Von Second Hand konnte man hier schon lange nicht mehr sprechen.

Auch das musste ein potenzieller Täter gewusst haben, als er das Verteilerpanel präparierte.

Torochew seufzte, nachdem er mit der Inspektion des Tatorts fertig war. Was er hier sah, war kein sorgsam vorbereiteter Tatort. Vielmehr der schludrige Stand der Technik, der in der Unterwelt vorherrschte. Es lag wohl allein an der letzten Instanz, der Segmentüberwachung, dass Tamachi bisher der erste Fall dieser Art war, dessen Zeuge er wurde.

Der Segmentüberwachung würde er gleich noch einen Besuch abstatten. Wenn es denn tatsächlich einen Mörder gab, musste er entweder auch dort zugeschlagen haben oder sogar zu finden sein.

Er musste keinen Beileidsbesuch abhalten, das war ohnehin ein Relikt der Vergangenheit. Tamachi lebte allein und seine Abteilung erhielt, so wie zuvor er selbst, automatisch die Kunde seines Dahinscheidens. Bereits in einer halben Stunde hätten die Teks seine Stelle neu besetzt.

Torochew klinkte sich in das ComNet des Sicherheitskorps ein und forderte mit einem Gedanken ein Mediziner-Team an.

Die Meds würden nicht viel mehr machen, als das Opfer abzutransportieren und in der Kühlhalle zu lagern. Seine Verletzungen waren eigentlich leicht genug, dass der Mann wiederbelebt werden konnte. Ohne Zusatzversicherung, die das abdeckte, würde er aber den Weg aller unprivilegierter Bürger gehen. Nach kurzer Lagerung würde sein Körper zersetzt und dem System der Zitadelle hinzugefügt werden. Dort endete er vielleicht als Grundstoff für ein Ersatzteil, mit dem der Schaden am Verteilerpanel repariert werden würde. Pflichterfüllung sogar nach dem Tode.

Stünde Tamachi weiter oben in der Nahrungskette, wären bereits Agenten der Hypothermieabteilung aufgetaucht. Schwarzgekleidete Meds, die ihn tiefkühlen und eine Sicherung seiner Erinnerungen durchführen würden. Leben und Wissen der High Society mussten schließlich geschützt und erhalten werden.

Doch es kam niemand. Keiner interessierte sich für ihn. Sobald Torochew zurück in seinem Bett war, würde auch er ihn vergessen. Er musste nur noch den obligatorischen Besuch der Segmentüberwachung hinter sich bringen.

Er ließ den Mann in Bettys Obhut zurück, zog den Kragen seines Mantels höher und trat in die Nacht der Unterweltetage 127 hinaus. Die grauen Wände der Wohnkomplexe reflektierten diffus das künstliche Licht, das sich im Dunkelblau des virtuellen Nachthimmels verlor.

Jeden Moment musste die Sonne aufgehen.

Dieses Gefühl beschlich Torochew jedes Mal, wenn er durch die Straßen jener zog, die im falschen Körper geboren waren. Ein Trugschluss. Die Sonne ging nicht auf. Sie befanden sich tief unter der Erde und die Helligkeit der Lampen würde sich bei Tage nur um einige Nuancen erhöhen.

Wer hier geboren war, blieb an diesen Ort gebunden, musste diesen Dämmerzustand für den Rest seines Lebens ertragen. Es gab Auswege, doch die Menschen in der Oberwelt waren auf die Arbeit der Unterwelt angewiesen und machten ihnen eine Flucht folglich nicht leicht.

Während er über das Schicksal der Welt nachdachte, projizierte das integrierte Navigationsprogramm seines Optikimplantats grüne Pfeile auf den Boden und wies ihm den Weg. Die Pfeile schienen einen Zentimeter über der Betonschicht zu schweben und wurden unter den Füßen jener, die sich darauf verirrten, zu Boden gedrückt.

Um ein Ziel in den verwinkelten Gassen dieser Etage zu finden, hatte er das Navi bitter nötig.

Ein Kerl in grauen Synthetikklamotten bog um eine Ecke und stieß mit Torochew zusammen, sodass sein schwarzer Borsalino nach vorne rutschte. Dunkelheit hüllte ihn ein, nur erleuchtet vom schimmernden Wegweiser auf dem künstlichen Auge. Er schob den Hut wieder an die richtige Stelle, drehte sich nach dem Mann um und hob die Faust, um ihm hinterherzufluchen.

„Pass auf, wo du hinläufst! Du …“

Doch er war bereits um eine weitere Ecke gebogen. Der Sergeant ließ die Faust wieder sinken und schob sie die geräumige Tasche seines Mantels.

Hatte sicher nicht einmal mitbekommen, dass er mit Torochew kollidiert war.

Einer der Trüben. Die Unterweltler, bei denen eine Berieselung durch die Medien nicht mehr ausreichte, um sie ruhig zu halten. Ihrer Nahrung wurden emotionale Suppressoren beigefügt und sie schlurften teilnahmslos durch ihr Leben. Waren nur noch in der Lage, stumpfsinnige Arbeiten zu verrichten, aber davon gab es hier unten genug.

Dieses Verfahren war kein Geheimnis. Die Gesellschaft der Unterwelt war jedoch inzwischen so abgestumpft, dass nur müde mit den Schultern gezuckt wurde, wenn man jemanden darauf ansprach.

Torochew selbst hatte Mitleid mit diesen Leuten und wäre er in der Lage gewesen, etwas daran zu ändern, hätte er sicher nicht gezögert. Doch das war er nicht. Sein Job bestand außerdem darin, gegen die Kriminalität vorzugehen, nicht gegen die Gesellschaft.

Wen sollte er in dem Fall auch festnehmen?

Das war bei Verbrechen einfacher. Im Normalfall war der Übeltäter leicht gefunden. Wer sich zu welchem Zeitpunkt an welchem Ort befand, verrieten die Datenbanken. Falls hier drinnen Verbrechen geschahen, hatten meist die gesellschaftlichen Schutzmechanismen versagt und irgendjemand war durchgedreht. Hatte seine Kollegen angegriffen oder irgendjemand anderen, den er für sein trostloses Leben verantwortlich hielt. Keine wirkliche Herausforderung für einen Mann seines Kalibers. Nur Unfälle waren langweiliger.

Ganz anders war es in der Außenwelt. Die Wildnis, die ihre Stadt umgab, in der es keine Grenzen zu geben schien.

Das Navigationsprogramm malte ein dickes Kreuz auf eine Tür und riss ihn aus seinen Gedanken. Das war der unscheinbar graue Eingang der Segmentüberwachung. Eigentlich sollte die Tür einen knallig gelben Hinweis darauf tragen, was sich hinter ihr verbarg.

Wahrscheinlich war der Angestellte auf Anonymität bedacht. In einer Etage, in der sicher noch mehr schief lief, als Techniker, die von einem überbrückten Verteilerpanel gegrillt wurden, war das nachvollziehbar.

Torochew fokussierte den Eingang, die Türsteuerung erkannte seinen Wunsch einzutreten und scannte seinen Chip.

Als Ermittler des Sicherheitskorps hatte er weitreichende Zugangsrechte. Im Prinzip kam er überall hinein, ausgenommen auf die Privatgrundstücke und Firmengelände der mächtigen Familien. Oder in bestimmte Abteilungen des Rates.

Wenn er die Privaträume von Zeugen betrat, klopfte er gelegentlich, hier aber trat er ohne Pause ein, als er die Freigabe bekam. Kein Grund für unangebrachte Höflichkeit.

Das unwillkürliche Gefühl überkam ihn, dass die Wände voll von Kabeln, Zählern und Kameramonitoren sein müssten, die ihn mit einer Flut flackernder Informationen und nervtötendem Gepiepse empfingen. Fragmente dieser Bilder hafteten seinem Geist an. Eine weitere Erinnerung aus der Vergangenheit?

Die Wirklichkeit manifestierte sich in gigantischen Medienpanels, welche die Wände vollkommen ausfüllten.

Diese fanden in vielen Bereichen Verwendung. Als Wiedergabegeräte für Filme und Musik, Grundfläche für digitalen Wandschmuck oder holografische Spielfelder. Gesteuert wurden sie per Berührung, Augenverfolgung oder gedankengelenkten Fernbedienungen, je nachdem wie groß der Wohlstand seines Besitzers war.

Die Medienpanels in diesem Raum zeigten lediglich den freundlichen Hinweis, dass auf die gewünschten Daten momentan nicht zugegriffen werden konnte.

Klasse, wenn sie bereits beim Tod Tamachis defekt gewesen waren, konnte Torochew wieder umdrehen.

Allein die Beine, die unter dem Schreibtisch am anderen Ende des Raums hervorschauten, hielten ihn davon ab, den Heimweg in sein Bett anzutreten.