Verdacht 2.3

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Die letzten Stufen nach unten fragte sich Torochew, ob er jemals wieder die Oberfläche erblicken würde. Die Familien genossen praktisch Narrenfreiheit in ihren Gebieten, die ein Siko selbst bei einem Verdacht nur selten und dann auch nur nach einem bürokratischen Hürdenlauf betreten durfte.

Am Boden konnte sich alles befinden. Ein Folterkeller, unmenschliche Experimente an grotesken Kreaturen oder ein Entwicklungslabor für eine Superwaffe, die das Ende der gesamten Zivilisation bedeutete. Das konnte er ruhigen Gewissens vermuten, ohne sich selbst als Verschwörungsfanatiker abstempeln zu müssen.

Die Familien waren allgegenwärtig. Bestimmten mit ihren Produkten und ihren Medienkanälen wie die Zitadelle funktionierte, und wurden dabei durch den Rat unterstützt. Es gab Grenzen, wie weit die Versuche für neue Technologie gehen durften, besonders im medizinischen Bereich. Wie sollte aber kontrolliert werden, wann sie überschritten wurden, wenn das Gesetz vor der Tür bleiben musste?

Dieses Paradoxon hatte er bereits einmal überwunden und dabei Leben und Job riskiert. Nur, weil er genug unlöschbare Beweise gefunden hatte, war die Sache gut für ihn ausgegangen. Damals war es gegen die Kanter-Gruppe gegangen, dieselbe Familie, für die auch Rufus Hall arbeitete. Nun wurde er von zwei ihrer aufgemotzten Schläger und einem ihrer Bosse tiefer in ihr Gebiet gebracht. Wenn sie sich rächen wollten, war das der ideale Zeitpunkt.

Er musterte die Gorillas aus den Augenwinkeln. Anders als in den alten Gangsterfilmen waren sie weder von Natur aus hässlich noch trugen sie Narben, die typisch für so einen Werdegang gewesen wären. Sie waren makellos. Der eine mit blonden, der andere mit braunen Haaren, die mit so viel Gel zu einem Seitenscheitel geformt waren, dass sie wie Plastik glänzten. Kaum wie richtige Menschen, eher wie Puppen eines angestrebten Schönheitsideals der Voreiszeit. Wenigstens lächelten sie nicht, sondern bedachten ihn mit grimmiger Miene, jedes Mal, wenn sie bemerkten, wie er sie anschielte.

Falls es brenzlig wurde, wie viel Schaden konnte er dann noch anrichten, bevor sie ihm den Arm ausrissen? Im Gefechtssimulator ließ er verschiedene Szenarien berechnen. Die Enge des Treppenhauses und er selbst eingequetscht zwischen den anderen drei, das waren keine guten Voraussetzungen dafür, dass er mehr als einen von ihnen ausschalten konnte, bevor das geschah. Wenn er es schaffte, sich an Hall vorbeizudrücken und ihn als Schild zu benutzen, sahen die Chancen besser aus. Aber so weit musste er erst einmal kommen.

Gegen eine konfliktfreie Lösung hatte er allerdings auch nichts. Schließlich wollte er den Fall ja noch zu Lebzeiten aufklären.

„Licht an! Freigabe Hall, Omega 1“, rief Hall in die Dunkelheit, die sie am Ende der Treppe erwartete.

„Willkommen, Oberster Technokrat Hall“, antwortete ihm eine weibliche Roboterstimme. Nach und nach leuchteten einzelne Wandsegmente auf, beginnend bei der Position der Gruppe. Das grelle Weiß der Niveum-Legierungen blendete Torochew, bis der Raum gleichmäßig erleuchtet war und das Optikimplantat gegensteuern konnte.

Er fand sich in einer schmalen Halle mit gewölbtem Dach wieder. An den Enden der Halle führten beleuchtete Tunnel durch kreisförmige Öffnungen in die Ferne. Sie lagen sich gegenüber und waren durch eine Kuhle miteinander verbunden.

Kein Folterkeller, keine Experimente, nur sterile Leere. Bis auf den schwarzen Schriftzug, der an der gegenüberliegenden Wand der langen Seite prangte.

R27.

Korrekt, sie befanden sich hier unter dem 27. und äußersten Ring der Zitadellenstadt. Die Tunnel der einen Seite führten also ins Innere der Stadt und die anderen hinaus, unter den betonierten Bereich, der darauf wartete, von weiteren Wohnkomplexen, Gewebegebieten oder Vergnügungsvierteln gefüllt zu werden.

„Das sieht kaum so aus, als glaubt Ihr wirklich an den Untergang der Zitadelle“, fasste der Sergeant einen Gedanken in Worte, der ihm gerade kam. „Was ist …“

Der Rest seines Satzes wurde ihm vom Zischen eines weißen Torpedos abgeschnitten, der durch einen der Tunnel schwebend in den Raum schoss und durch eine unsichtbare Kraft so stark abgebremst wurde, dass es in der Mitte der Kuhle und somit vor ihnen zum Stehen kam.

Ehe er Atem holen konnte, um seinen Satz doch noch zu beenden, schälte sich eine ovale Öffnung aus dem Torpedo, glitt beiseite und machte Platz für schwebende Trittplatten, die zu ihr hinauf führten.

„Ist das so etwas wie der U-Bahnhof der Zukunft?“, schaffte er es schließlich.

„Ein was?“, wollte der blonde Gorilla wissen.

„Das war vor eurer Zeit“, speiste er ihn ab. Zu Hall gewandt: „Die Kantergruppe hat wirklich eine U-Bahn-Strecke unter der Zitadelle gebaut?“

„Nur einen kleinen Teil davon“, spielte Hall diese Tatsache herab. „Jede der Familien hat hier ihre eigenen Linien. Genauso die meisten Medienkanäle und der Rat.“

„Und die Allgemeinheit muss zu Fuß oder per Rad durch die Stadt?“

Torochews Empörung erntete nur ein müdes Lächeln. In den Ringen lebten hauptsächlich ehemalige Bewohner der Unterwelt. Die Zitadelle gestand ihnen schon mehr Luxus zu, als sie es früher gewohnt waren. Dazu kamen noch richtiges Tageslicht und frische Luft. Ihnen auch noch Zugang zu einem Verkehrsmittel zu geben, dass sie ohne Mühe in wenigen Minuten vom Rand der Stadt bis zum Zentrum beförderte, wäre dann doch zu viel des Guten. Dass sogar das Sicherheitskorps bisher nichts davon gewusst hatte und auf Räder, alte geborgene Fossilfahrzeuge und auf einen einzigen Schweber-Prototypen beschränkt war, ärgerte ihn doch.

Schlimmer war noch, dass sich nichts ändern würde, selbst wenn Torochew das nun wusste. Privatgelände, dass für sie tabu war. Sie konnten zwar auch einen Antrag, auf einen eigenen Abschnitt einreichen, aber der Rat bewilligte ihnen schon jetzt kaum genug Mittel für angemessene Ausrüstung.

Hall gebot ihm mit einladender Geste, in den Torpedo zu steigen, und Torochew schluckte seinen Ärger hinunter. Sollte sein Boss sich später darum kümmern und sich an seiner Stelle aufregen. Er selbst würde nun bald Informationen zu seinem Fall bekommen. Falls sie ihn nicht doch unter der Erde loswerden wollten.

„Wohin fahren wir?“

„Zurück zur Zitadelle, wo unsere Gemeinschaft ihren Sitz hat.“

Zögernd stieg er ein. Selbst im Inneren war das Vehikel weiß. Er strich mit den Fingerspitzen über eine der Oberflächen. Sitze aus weichem und bequemen Kunstleder. Dazwischen Tische mit integrierten Medienpanels, deren Bildschirme dem Rest der Oberseite glichen, bis sie andere Informationen darstellen mussten. Sitze, Tische und die Niveum-Wände sauber zu halten, musste die Hölle für jede Putzfrau sein. Die war aber sicher ein Reinigungsroboter, der sich kaum beschweren würde.

Torochew setzte sich auf eine der Sitzbänke und wurde vom blonden Leibwächter neben das Fenster geschoben. Er musste scheinbar unbedingt neben den Sergeant sitzen, damit dieser bloß nicht auf dumme Ideen kam. Hall und der andere setzten sich ihnen gegenüber.

„Wählen sie ihr Ziel aus.“

Torochew konnte den Ursprung der weiblichen Roboterstimme nicht ausmachen. Die Worte schienen ihn von überall her, zu umfließen.

„Zentrum“, befahl Hall.

Die Tür schloss sich sanft säuselnd und mit einem kurzen Ruck setzte sich die U-Bahn in Bewegung. Die Halle verschwamm in einem Blitz aus Weiß. Dann wechselten sich Dunkelheit, wenn sie durch einen Tunnel rasten und der helle Schein der Stationen ab. Zehn Sekunden für den Tunnel, ein kaum wahrnehmbares Zucken für jede Station.

Keine fünf Minuten später kündigte ein weiter Ruck das Erreichen ihres Ziels an. Torochew erhob sich, weil er davon ausging, dass sie nun wieder an die Oberfläche steigen mussten. Sein Sitznachbar drückte ihn unsanft zurück auf seinen Platz.

„Sitzen bleiben!“, knurrte er ihn an.

Trennwände tauchten aus dem Nichts auf und separierten den Bereich, in dem sie saßen, vom Rest des Abteils. Was für ein Glück, dass er nicht unter Platzangst litt, sonst wäre er nun ausgeflippt. Die Aussicht, mit diesen Menschen auf engstem Raum eingesperrt zu sein, war dennoch nicht erbauend.

Ein Ziehen im Unterleib kündigte ihm an, dass sie sich jetzt in vertikaler Richtung bewegten. Es ging nach oben.

„Die U-Bahn ist mit einem Aufzug verbunden?“, fragte Torochew. „Raffiniert.“

„Du willst aber viel wissen“, brummte sein lästiger Nebensitzer.

Plötzlich leuchtete ein grüner Punkt im Optikimplantat auf. Er war wieder in das ComNet eingeloggt. Schon trudelte auch die erste Anfrage der Kommunikationsabteilung ein, wo er denn stecke. Sie war nicht von Catherine, also ignorierte er sie. Sie würden warten müssen. Es musste reichen, dass er aufgetaucht war, und kein Suchteam losgeschickt werden brauchte.

Torochew nutze diese Gelegenheit, Betty zurückzurufen, die glücklicherweise nicht eingefangen und in die Sklaverei verkauft worden war. Kurz spielte er mit dem Gedanken, den Hünen neben sich mitsamt der Aufzugswand in die nächste Etage zu pusten und dann Hall zum Verhör zu schleifen. Immerhin befand er sich jetzt wieder in Gebiet, das vom Sicherheitskorps überwacht wurde und hätte das Recht auf seiner Seite gehabt. Doch er wollte ehrlich Antworten von Hall erhalten. Um seine Schläger würde er sich später kümmern.

„Wohin geht unsere Reise eigentlich?“, startete er einen weiteren Versuch, Informationen zu sammeln, ohne Gewalt anwenden zu müssen.

„Halt die Klappe!“, schnauzte ihn sein freundlicher Wächter an. Instinktiv wanderte Torochews Hand zur Position seiner Waffe unter dem Mantel. Wenn er sich nicht beherrschte, würde er doch noch ein Blutbad anrichten.

Hall duldete die schlechten Manieren seines Bodyguards. Weil er sie gut hieß? Oder hatte er sie selbst nicht vollständig unter Kontrolle? Die IDs aller drei wurden in die Fallakte notiert, mit einem Hinweis an seine Kollegen. Sollte er nicht zurückkehren, brauchten sie beim Verhör dieser Leute nicht zimperlich sein. Außerdem fügte er die gespeicherten Daten der Verfolgungsjagd hinzu. Alles, was er jetzt wahrnahm, speiste er direkt in eine der Datenbanken des Sicherheitskorps ein.

Wenn sie ihm schon nicht sagten, wohin genau sie unterwegs waren, fand er es eben selber heraus. Er aktivierte seine Positionsbestimmung. Im Moment passierten sie gerade Ebene O5 in einer von den Aufzugsgruppen unabhängigen Säule der Etagenhülle. Der Aufzug war lautlos und die Menschen, an deren Wohnungswand sie gerade vorbeisausten, wussten wahrscheinlich nicht einmal etwas davon. Wenigstens zeigte die medizinische Überwachung, die an ihre Chips gekoppelt war, keine Regung.

Die Etagenzahl stieg an und wurde zweistellig, bis sie in Bereiche kamen, die fast ausschließlich von den Familien kontrolliert wurden. Nachdem sie die 50er-Marke erreicht hatten, fragte er sich, ob sie am Ende bis zur Spitze reisen würden, O60.

Bei Etage 53 setze die Positionserfassung aus, doch sie bewegten sich immer noch. Gemessen an der Zeit, die sie pro Etage gebraucht hatten, hielten sie auf O58 an. Nein, korrigierte sich Torochew, der Aufzug war langsamer geworden, als sie sich dem Endpunkt näherten. Wahrscheinlich war es nur O57. Diese Information musste er im Speicher des Optikimplantates ablegen, denn mit dem Verlust der Positionserfassung, war auch die Verbindung zur Datenbank abgebrochen.

Löcher fraßen sich in die Wände des Aufzuges, gaben einen Blick auf das umliegende Gebiet frei. Torochew konnte Gestalten erkennen. Viele Menschen in kleinen Gruppen. Angeordnet wie sie selbst und im Gespräch miteinander. Der Anteil an Niveum in der Wand sank weiter, während der Anteil an Luft zunahm und ihm einen besseren Ausblick gestattete.

Sie alle trugen graue Uniformen oder Kutten, mit silbernen Mustern durchsetzt und dem Omega über ihrem Herzen. Wenigstens nahm Torochew an, dass alle auch das Symbol trugen, denn manche saßen mit dem Rücken zu ihm. Der Raum musste eine Kantine sein, denn sie saßen an Tischen, die ihrem glichen.

Das war der Omega-Kult? Ob auch auf jedem von ihnen eine Version des Symbols und des Barcodes verewigt war?

So wie Torochew die Menschen mustern konnte, hatten auch sie nun freien Blick auf ihn. Einzelne bemerkten das Auftauchen ihrer Gruppe und wandten sich ihnen zu. Das Lächeln, das bei Halls Anblick auf ihren Gesichtern erschien, erstarb, als sie Torochew sahen. Argwohn und teils auch Hass. Er konnte nicht sagen, was sie dazu veranlagte. Kannte er jemanden der Anwesen oder sie ihn? Sahen sie ihm an, wozu er gekommen war? Befand sich der Mörder unter ihnen oder waren sie gar alle schuldig?

Ungewohntes Unbehagen kroch über seinen Rücken und ließ an den Stellen, die es passierte eine Gänsehaut zurück.

Wo war er da nur hineingeraten?

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