Verdacht 2.2

 

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Der Sergeant eilte die scheinbar endlose Treppe hinab. Es ging hinunter in die Tiefe, in ein Gebiet, deren Grundrissen offenbar nicht in der Datenbank verzeichnet waren. Er folgte den Stufen, die sich den Schacht nach unten wanden, schon einige Minuten, bevor er merkte, dass er keine Verbindung mehr zu ihnen hatte, auch nicht zum ComNet.

War es leichtsinnig, dass er seiner Abteilung nicht Bescheid gegeben hatte? Sicher. Doch er musste Rufus Hall einholen. Woher sollte er auch wissen, dass er sich in einen stummen Bereich begab. Er musste irgend einer Familie gehören oder zu einem Geheimprojekt des Rates. Außerdem war dies das beste Training, das er seit Langem bekommen hatte.

Es war ja nicht so, dass er keine Spuren hinterlassen hatte. Die Abdeckung über der Treppe würde die nächste Zeit niemand mehr schließen können. Ein Suchteam, das nach Torochews Verschwinden aus dem Netzwerk aufbrechen würde, würde auf Betty stoßen oder wenigstens ihre letzte Position, falls sie zuvor den Schrottis im Außenring zum Opfer fiel. Von dort aus seinen Weg zu verfolgen war nicht schwer, selbst wenn in diesem Ring noch keine flächendeckende Überwachung installiert war. Die Schrottis verdienten ihren Lebensunterhalt eigentlich mit der Bergung antiker Technik aus den umliegenden Ruinen. So nah am Rand der Stadt, war es nicht unwahrscheinlich, dass sie Betty schon zu legaler Plünderbeute zählten.

Er hatte jedoch vor, aufzutauchen, bevor ihn jemand vermisste. Und falls Betty später fehlte, würde er es sich persönlich auf die Fahne schreiben, in der Schrotti-Szene aufzuräumen.

Die Treppe war unbeleuchtet. Rufus Hall, dessen Vorsprung immer geringer wurde, hatte eine Lichtquelle bei sich, dessen Schein bis Torochew vordrang. Dem Optikimplantat reichte das aus, um den Abstieg virtuell in hellem Licht erstrahlen zu lassen.

Gleich hatte er ihn eingeholt.

Torochew stolperte beinahe über den Luminostab, den der Untergangsprediger auf der Flucht fallen gelassen haben musste. Ein Stab von zwanzig Zentimetern Länge, der Licht speicherte und wieder abgab, wenn man ihn schüttelte oder knickte.

Lief er blind weiter? Bei dem Gleißen, das den Sergeant jetzt umgab, konnte er das nicht mehr erkennen. Grell überstrahlte es alles andere, was das das künstliche Auge wahrnahm. Nur seinem biologischen Gegenstück war es zu verdanken, dass Torochew die Metallstange bemerkte, bevor sie ihn in die Dunkelheit der Bewusstlosigkeit befördern konnte.

Mit geübter Abwehrbewegung lenkte er den Schlag ab und die Stange traf stattdessen die Wand, an der sie funkensprühend entlang schrammte. Das Ende hielt ein erstaunter Rufus Hall, der sich vom verlotterten Untergangsprediger zum Geschäftsmann gewandelt hatte.

Das Dunkelblau seines Anzuges hob sich nur unmerklich vom Schwarz des Treppenabganges hinter ihm ab. Allein die grauen Nadelstreifen zitterten im Schein des Lichtes. Genau wie sein Gesicht, dessen Augen sich entsetzt weiteten, als er sich der Mündung Torochews Waffe gegenüber sah.

„Sicherheitskorps! Keine Bewegung!“, brüllte der Sergeant ihn an, worauf er vor Schreck die Stange endlich fallen ließ. Mit einer Spitze traf sie auf einer Stufe auf und prallte ab. Der helle Klang bei jedem weiteren Aufprall ließ darauf schließen, dass es in Wirklichkeit ein Rohr war und das hohle rollende Geräusch das folgte, kündigte den Boden und somit das Ende der Treppe an.

Die Miene des Mannes hellte sich auf, ganz untypisch für Gauner, wenn sie den Namen seines Arbeitgebers hörten. „Sicherheitskorps? Und ich dachte schon, ein Attentäter hätte es auf mich abgesehen.“

„Kein Grund zum Entspannen. Bei dem Mist, den Sie dort draußen verzapfen, kommt vielleicht noch einer.“

Die Augen des Geschäftsmannes hoben sich, während er seine Hände an seiner Anzugshose abwischte. Angstschweiß, wie das Optikimplantat feststellte.

„Mist? Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon sie sprechen, Captain …“

Bis zu diesem Rang hatte er noch einen Weg vor sich, falls er ihn je erreichte. Wahrscheinlich würde er für immer beim Fußvolk bleiben. „Sergeant Torochew. Plumpe Schmeicheleien und unschuldiges Getue bringen bei mir nicht, nur um das gleich klar zu stellen.“

Halls Gesicht verzog sich. Die Augenbrauen wanderten nach unten und sein Blick sprang unstetig zwischen Waffe und seinem Besitzer hin und her.

„Herr Hall, ich weiß genau, dass Sie gerade noch den Untergang des Abendlandes prophezeit und den Abschaum der Zitadellenstadt zum Aufstand ausgewiegelt haben.“

Der Mund seines Gegenübers öffnete sich einen Spalt. Hall wollte sicher etwas entgegnen, doch Torochew ließ ihm keine Zeit dazu. „Ja, ich weiß, was sie sagen möchten. ‚Das muss eine Verwechslung sein. Sehe ich aus, wie eine Vogelscheuche, die seit einem Jahrzehnt kein MedCenter oder keine Druckluftdusche von innen gesehen hat?‚ Natürlich nicht. Aber selbst wenn Sie das Ende der Technologie predigen, sollten Sie doch wissen, dass der ID-Chip nicht lügt.“

„Anwalt?“, brachte Hall in der kurzen Pause hervor, die Torochew brauchte, um seine Lungen mit neuer Luft zu füllen.

„Bei der Zitadelle, warum fragen Sie gleich nach einem Anwalt? Sind Sie Darsteller in einer schlechten Kriminalserie der Voreiszeit? Wenn ich das richtig sehe, befinden wir uns hier nicht einmal in der Zitadellenstadt und somit außerhalb des Wirkungsbereichs all ihrer Anwälte der Welt.“

Rufus Hall entspannte sich, als er entgegnete: „Sollte der Handlungsbereich des Sicherheitskorps dann nicht auch am Eingang zu dieser Treppe enden?“

„Das tut er. Welcher Familie diese Zone auch immer gehören mag, ich bräuchte einen Ratsbeschluss, um Sie hier zu verhören. Andererseits würde mich auch kein anderer Siko dafür verfolgen, wenn ich den Abzug drücke.“

Er wurde bleich, soweit Torochew das im Gefecht erkennen konnte, das sich das grelle Licht im Implantat mit der Dämmerung im Auge lieferten.

„Oh, und ich drücke heute wirklich gerne ab.“

„Aber sie haen es noch nicht getan, weil …?“

„Weil Sie mir dann natürlich nicht mehr antworten können. Mann, wo ist nur ihre Rhetorik geblieben?“

Rufus Hall zuckte mit den Schultern. „Die ist beim Anblick ihrer Waffe geflüchtet. Falls Sie mich nicht erschießen wollen, Sergeant Torochew, könnten Sie bitte auf etwas anderes zielen? Diese Ungewissheit, ob ich die nächsten Minuten sterben werde, bringt mich sonst noch um.“

Torochew lächelte schwach über diesen Witz und senkte seine Waffe. Nun zeigte sie nur noch auf Halls Oberschenkel, statt auf sein Gesicht. Kein Problem für ein MedCenter, falls er versehentlich doch noch die Kontrolle über den Finger am Abzug verlor.

„Was wollen Sie? Ich bin selbstverständlich im Besitz einer Redegenehmigung des Rates. Alles legal. Und nur, weil ich meine Ansprache in einer Verkleidung abgehalten habe, sollte ich doch gegen kein Gesetz verstoßen haben, oder doch?“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Rat auch den Inhalt dieser Ansprache genehmigt hat. Wenigstens nicht, wenn sich der Beamte auch die Mühe gemacht hat, einen Blick darauf zu werfen.“

Hall hob die Arme und entgegnete mit feierlicher Stimme: „Die Wege des bürokratischen Apparates sind unergründlich, Sergeant Torochew.“

Was für ein Clown. Vielleicht würde er ihn doch noch erschießen. „Ich kann mir vorstellen, dass ich diese Wege sehr gut verfolgen kann, wenn ich mir etwas Mühe gebe.“ Torochew schwenkte seine NH32 auf das andere Bein des Mannes, um ihm zu zeigen, welche Art des Nachdrucks er meinte. Der zuckte dabei zusammen. Dann steckte der Sergeant die Waffe mit einer fließenden Bewegung zurück in das Holster. Er hatte sich endgültig dagegen entschieden, ihn umzulegen.

„Um ehrlich zu sein, bin ich nicht wegen Ihrer Rede hinter Ihnen her.“

„Nicht?“

„Nein.“

Wieder entspannte Hall sich und seine Hände wanderten ein weiteres Mal zur Hose, die durch den abgewischten Schweiß bereits eine Nuance dunkler geworden war.

„Nein, es geht lediglich um Mord.“

Hall schluckte. Die Höllenqualen, die er bei diesem Gespräch durchleiden musste, konnte Torochew ihm auch ohne Unterstützung seines Implantats vom Gesicht ablesen. Er musste langsam zum Punkt kommen, sonst erlitt er am Ende noch einen Herzinfarkt und würde ihm ohne Antwort wegsterben, weil er dank fehlender Verbindung zum ComNet keine Meds anfordern konnte.

Falls er Antworten erhielt, wollte er natürlich auch etwas mit ihnen anfangen können. Deswegen gab er dem Luminostab einen Tritt. Es rollte einige Stufen nach unten und die Helligkeit in Torochews linkem Gesichtsfeld normalisierte sich. Jetzt konnte er den Lügendetektor aktivieren.

„Sagt ihnen der Name Groenwald etwas? Oder Tamachi?“

Halls Augen wurden um eine Winzigkeit größer und als Zeichen des Erkennen registriert.

„Sie kennen sie“, stellte der Sergeant fest.

„Ich habe noch gar nicht geantwortet“, entgegnete er irritiert. „Den Sikos bleibt also wirklich nichts verborgen?“

„Nein. Sie können eigentlich sofort auspacken.“

„Auspacken?“

„Stellen Sie sich nicht dumm! Ich will wissen, was Sie mit dem Tod der beiden zu tun haben.“

Das Implantat nahm deutliche und ehrliche Anzeichen des Entsetzens wahr, die auch Torochew nicht entgingen. Bei der Zitadelle, wenn sich seine Augen noch mehr weiteten, würden sie aus den Höhlen fallen.

„Die beiden sind tot? Wie das?“

Auf Halls Stirn bildeten sich Schweißperlen, von denen die ersten fast sofort nach ihrem Auftreten unter der Last ihres Gewichts kullernd den Weg hinab über seine Wangen nahmen. Er wischte sie mit seinem Ärmel ab, der bald genauso fleckig, wie seine Hosenbeine sein würde.

„Tamachi ist bei der Arbeit an einem Stromschlag gestorben und Groenwald in einen Aufzugsschacht gestürzt. Beides sah zu Beginn, wie ein Unfall aus. Versagen der Zitadellentechnologie.“

„Aber es war keiner?“

„Nein, sonst wäre ich kaum hinter Ihnen her.“

„Werde ich etwa verdächtig? Warum?“

Auch wenn sich Rufus Hall nun Mühe gab, unschuldig und unwissend zu wirken, verrieten ihn seine körperlichen Reaktionen. Jetzt musste er eigentlich nur noch das richtige Stichwort geben, dann sollte der Mann zusammenbrechen und alles gestehen.

„Omega.“

„Omega?“ Ehrliche Verwirrung. „Wenn es darum geht, kommen doch noch hunderte andere in Frage. Warum gerade ich? Mal abgesehen, dass die beiden hoch angesehen waren.“

Nun stellte sich die Verwirrung bei Torochew ein, auch wenn er der Einzige war, der das wahrnehmen konnte. Das war irgendwie nicht die Antwort, die Torochew erwartet hatte. Hall sprach so von Omega, als sollte es ihm bekannt sein. War er am Ende doch nur Teil einer Studentenvereinigung. Etwa ein ehemaliges Mitglied? Und die Weltuntergangspredigten waren nur eine Art Werbung, die der Sergeant nicht verstand? Er sah ein, dass er einen noch direkteren Weg wählen musste, damit endlich sinnvolle Antworten bekam. „Ich habe keine Ahnung, was Omega ist. Klären Sie mich auf. Wenn Sie kooperativ sind, wird sich das auf ein späteres Urteil positiv auswirken.“

„Urteil? Ich habe nichts getan, nur damit das klar ist. Sergeant, wollen Sie den wahren Täter erwischen oder brauchen Sie für Ihren Fall nur einen Sündenbock?“

Das warf ein trauriges, aber nur allzu wahres Bild auf das Sicherheitskorps, weil diese Frage durchaus angebracht war.

„Den wahren Täter.“

„Dann will ich Ihnen helfen, soweit ich kann. Auch ich bin daran interessiert, dass der Mörder dieser Männer bestraft wird.“

„Freunde von Ihnen?“

Hall schüttelte traurig den Kopf. „Nein, Sie waren mehr. Meine Brüder.“

„Brüder? Das ist kaum möglich, bei den ethnischen Hintergründen der beiden.“

„Nein, keine Brüder im Blute, eher im Geiste.“

„Waren sie ebenfalls Endzeitprediger?“

„Sie mögen vielleicht nicht viel von meiner Berufung halten, doch Sie ist wichtig.“ Hall lächelte trocken. „Aber nein. Die beiden gingen nicht auf die Straßen, um die Menschen vor ihrem Untergang zu bewahren oder ihnen von ihrer nahenden Freiheit zu berichten. Die Aufgaben, die jeder von uns trägt, sind vielfältig.“

„Und ihr seid wer?“

„Der Omega-Kult.“ Unwahrscheinlich, doch er musste das riesige Fragezeichen in Torochews Gesicht erkennen, obwohl es so dunkel war. „Sie scheinen nicht viel in der Oberwelt herumzukommen. Wenigstens in den Medienkanälen müssen Sie doch schon von uns gehört haben.“

„Ich stehe eher auf Filme der Voreiszeit. Die hat kaum ein Kanal im Programm.“

„Sich von der Verblendung durch die Medienkanäle abzuwenden, ist ein weiser Entschluss. Sie scheinen ein interessanter Mann zu sein, Sergeant Torochew. Ich werde einmal vergessen, dass Sie gerade noch eine Waffe auf mich gerichtet haben.“

Hall wollte noch etwas hinzufügen, doch er stockte. Stattdessen schüttelte er energisch den Kopf, sah dabei aber an Torochew vorbei. Das galt jemand anderem.

Eine Hand legte sich mit festem Griff auf Torochews Schulter.

„Eine falsche Bewegung, und ich brech dir ein paar Knochen, du Zwerg“, raunte ihm eine Stimme ins Ohr. Verdammt! Das war der Gorilla, der ihm bereits gezeigt hatte, dass er den Körperkontakt nicht scheute.

„Der Sergeant ist mein Gast. Verzichtet also bitte darauf, ihm Knochen zu brechen.“

Dann wandte er sich wieder Torochew zu.

„Bitte folgen Sie mir. Ich werde Ihnen zeigen, was der Omega-Kult ist und wer etwas über Groenwald und Tamachi wissen könnte.“

Würde es jetzt doch auf Zeugenbefragungen hinauslaufen? Das hätte er wirklich einfacher haben können. Aber was beschwerte er sich? Das war immerhin auch Teil seines Jobs, auch wenn er manchmal lieber erst schoss und dann fragte.

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