Andeutung 1.0

Hintergrund.pngEr wusste, wie diese Szene damals ausgesehen hätte.

Gelbes Absperrband, das Unbefugte vom Ort des Geschehens fernhielt. Menschen in weißen Ganzkörperkondomen, die emsig jedes Haar, jeden Fingerabdruck und alles andere katalogisierten, sei es nun verdächtig oder einfach nur da.

Ihn würde man hineinlassen und mit gedämpfter Stimme darüber aufklären, was geschehen war. Wer der tote Körper vor seinem Dahinscheiden gewesen sein mochte und was es bereits für Hinweise gab. Er würde Gegenfragen stellen, die seine gesammelte Erfahrung und seine ausgeprägte Kombinatorik erahnen ließen.

Den Täter zu finden, wenn es sich denn um einen Mord handelte, wäre nur noch Formsache.

Doch diese Art des Vorgehens lag Jahrzehnte zurück. Vielleicht auch Jahrhunderte, da war sich niemand genau sicher. Die Welt befand sich in der postarktischen Epoche. Der Fortschritt hatte einmal mehr die Handarbeit ganzer Berufsgruppen überflüssig gemacht und so begrüßte ihn lediglich Betty, mit süß säuselnder Stimme.

„Guten Tag, Sergeant Torochew.“

Betty war seine private Multifunktionsdrohne. Für sie war jeder Tag ein guter. Ihr machte es nichts aus, um 3 Uhr nachts aus dem Bett gerissen zu werden, weil das Gesetz, dem Verbrechen gleich, nicht ruhen durfte.

Er beschwerte sich nicht, es war sein Job. Wenigstens hatte seine Aufgaben noch kein Roboter übernommen.

Beweise konnten sie sichern, den Tatort absperren und Verdächtige festhalten. Aber es fehlte ihnen das gewisse Etwas, um kriminalistisch logische Schlüsse zu ziehen oder die Menschen, samt ihren verworrenen Motiven zu durchschauen.

Den Tatort hatte Betty bereits mit einem Kraftfeld abgeschirmt. Torochew berührte es mit dem Zeigefinger. Eine Welle breitete sich träge vom Punkt der Berührung aus und erinnerte ihn an den Wackelpudding, den es in seiner Kindheit gelegentlich zum Nachtisch gegeben hatte. Er trat hindurch und spürte statt Kirschgeschmack nur ein elektrisierendes Kribbeln auf seiner Zunge.

Die Abgrenzung war nicht mehr als Routine, denn Schaulustige mussten sie keine vertreiben. Hier in der Unterwelt der Zitadellenstadt interessierte sich kaum jemand für einen Toten. Die wenigen Leute, die um diese Zeit noch unterwegs waren, schlurften mit getrübtem Blick an ihm vorbei. Konzentriert auf ihre Arbeit oder in Erwartung des nächtlichen Unterhaltungsprogramms. Den Tod des Mannes hatte niemand von ihnen gemeldet, aus denselben Gründen. Er fiel keinem auf. Stattdessen war diese Meldung automatisch im Büro des Sicherheitskorps eingegangen, dem er nun seit über einem Jahr als Ermittler diente.

Jeder Bürger der Stadt trug einen winzigen Identifikationschip in seinem Kopf, der ihm Türen öffnete und Zugang zu Waren und Essensrationen des Nahrungssynths verschaffte. Er war mit diversen Datenbanken verknüpft und fütterte sie neben dem Bewegungsprofil des Trägers, auch mit seinen Gesundheitszustand. Hier zeigte sich wieder einmal, dass diese Informationen unfehlbar waren.

Torochew betrachtete die Leiche eingehender und es schoben sich kleine farbige Notizzettel in sein Sichtfeld. Schwebten unwirklich über dem Körper und zeigten seine aktuelle Biowerte, Temperatur und Puls. Letzterer – eine blaue Linie auf schwarz-weiß-gerastertem Untergrund – war nichtexistent. Die hellrot verblassende Körperwärme wies darauf hin, wie lang der Mann inzwischen tot war. 23 Minuten und 17 Sekunden. Die Zahl stieg in unregelmäßigen Schritten an, war sie doch mehr eine Schätzung, als ein tatsächlicher Fakt. Selbst die Datierung seiner aussetzende Lebensfunktionen, mit der ihn das Zitadellennetzwerk hierhergelockt hatte, war mit Vorsicht zu genießen. Grund dafür war die Todesursache.

Ein blauer Hinweis mit einem Namen entfaltete sich knisternd auf der Anzeige seines Optikimplantats.

Der Mann hieß Sai Tamachi. Er war Mitglied der Technikabteilung und an einem Stromschlag gestorben. Es konnte eine unbekannte Zeit vergangen sein, bevor sich sein Körper von der Quelle gelöst hatte und die Ortung seines Chips wieder funktionierte.

Ein Unfall? Unter sehr unwahrscheinlichen Bedingungen, aber nicht unmöglich. Es gab eine Reihe von Schutzmechanismen, die das eigentlich verhindern sollten. Die Sicherungen des Verteilerpanels, an dem er gearbeitet hatte, sein isoliertes Werkzeug, die Ableitung in seinem Anzug oder die Überwachungssoftware dieses Etagensegments.

Torochews Blick wanderte zum geöffneten Verteilerpanel.

Er befand sich in der Unterwelt. Selten kümmerte sich hier unten einer der blassgrün uniformierten Techniker um triviale Reparaturen. Stattdessen sorgten Bastler dafür, dass die Welt sich weiterdrehte. Es sprach sich herum, wie man gewisse Dinge am Laufen hielt. Wenn man Glück hatte, war ein Genie am Werk, das selbst mit ungeeigneten Ersatzteilen ein Wunderwerk vollbringen konnte. Das war hier nicht der Fall.

Ein grobschlächtiges Metallkonstrukt funkelte Torochew anstelle der Sicherung an. Warf ihm frech entgegen, dass es hier nicht mehr verschwinden würde, selbst wenn das Leben eines Mannes davon abhing.

Diese provisorische Reparatur war bereits Monate alt. Wenn es sich um einen Mord handelte, dann um einen wirklich langfristig geplanten. Der Täter hätte in Kauf genommen, in der Zwischenzeit auch andere Menschen zu gefährden und am Ende nicht einmal sein eigentliches Ziel zu treffen.

Werkzeuge und Anzug des Technikers waren verschmort.

Wie bei den Sikos, so wurden die Mitarbeiter des Sicherheitskorps kurz genannt, schwankte auch die Qualität der Ausrüstung, mit der die Teks ausgestattet waren. Arbeitete man in der Oberwelt, war sie top. Je höher die Nummer der Unterweltebene wurde, der man zugeteilt war, desto schlechter wurde sie.

Tamachis Werkzeuge hatten einen langen Gebrauchsweg hinter sich, wie die Listen verrieten, die – nur sichtbar für sein linkes Auge – mit imaginären Fäden an ihnen befestigt waren. Von Second Hand konnte man hier schon lange nicht mehr sprechen.

Auch das musste ein potenzieller Täter gewusst haben, als er das Verteilerpanel präparierte.

Torochew seufzte, nachdem er mit der Inspektion des Tatorts fertig war. Was er hier sah, war kein sorgsam vorbereiteter Tatort. Vielmehr der schludrige Stand der Technik, der in der Unterwelt vorherrschte. Es lag wohl allein an der letzten Instanz, der Segmentüberwachung, dass Tamachi bisher der erste Fall dieser Art war, dessen Zeuge er wurde.

Der Segmentüberwachung würde er gleich noch einen Besuch abstatten. Wenn es denn tatsächlich einen Mörder gab, musste er entweder auch dort zugeschlagen haben oder sogar zu finden sein.

Er musste keinen Beileidsbesuch abhalten, das war ohnehin ein Relikt der Vergangenheit. Tamachi lebte allein und seine Abteilung erhielt, so wie zuvor er selbst, automatisch die Kunde seines Dahinscheidens. Bereits in einer halben Stunde hätten die Teks seine Stelle neu besetzt.

Torochew klinkte sich in das ComNet des Sicherheitskorps ein und forderte mit einem Gedanken ein Mediziner-Team an.

Die Meds würden nicht viel mehr machen, als das Opfer abzutransportieren und in der Kühlhalle zu lagern. Seine Verletzungen waren eigentlich leicht genug, dass der Mann wiederbelebt werden konnte. Ohne Zusatzversicherung, die das abdeckte, würde er aber den Weg aller unprivilegierter Bürger gehen. Nach kurzer Lagerung würde sein Körper zersetzt und dem System der Zitadelle hinzugefügt werden. Dort endete er vielleicht als Grundstoff für ein Ersatzteil, mit dem der Schaden am Verteilerpanel repariert werden würde. Pflichterfüllung sogar nach dem Tode.

Stünde Tamachi weiter oben in der Nahrungskette, wären bereits Agenten der Hypothermieabteilung aufgetaucht. Schwarzgekleidete Meds, die ihn tiefkühlen und eine Sicherung seiner Erinnerungen durchführen würden. Leben und Wissen der High Society mussten schließlich geschützt und erhalten werden.

Doch es kam niemand. Keiner interessierte sich für ihn. Sobald Torochew zurück in seinem Bett war, würde auch er ihn vergessen. Er musste nur noch den obligatorischen Besuch der Segmentüberwachung hinter sich bringen.

Er ließ den Mann in Bettys Obhut zurück, zog den Kragen seines Mantels höher und trat in die Nacht der Unterweltetage 127 hinaus. Die grauen Wände der Wohnkomplexe reflektierten diffus das künstliche Licht, das sich im Dunkelblau des virtuellen Nachthimmels verlor.

Jeden Moment musste die Sonne aufgehen.

Dieses Gefühl beschlich Torochew jedes Mal, wenn er durch die Straßen jener zog, die im falschen Körper geboren waren. Ein Trugschluss. Die Sonne ging nicht auf. Sie befanden sich tief unter der Erde und die Helligkeit der Lampen würde sich bei Tage nur um einige Nuancen erhöhen.

Wer hier geboren war, blieb an diesen Ort gebunden, musste diesen Dämmerzustand für den Rest seines Lebens ertragen. Es gab Auswege, doch die Menschen in der Oberwelt waren auf die Arbeit der Unterwelt angewiesen und machten ihnen eine Flucht folglich nicht leicht.

Während er über das Schicksal der Welt nachdachte, projizierte das integrierte Navigationsprogramm seines Optikimplantats grüne Pfeile auf den Boden und wies ihm den Weg. Die Pfeile schienen einen Zentimeter über der Betonschicht zu schweben und wurden unter den Füßen jener, die sich darauf verirrten, zu Boden gedrückt.

Um ein Ziel in den verwinkelten Gassen dieser Etage zu finden, hatte er das Navi bitter nötig.

Ein Kerl in grauen Synthetikklamotten bog um eine Ecke und stieß mit Torochew zusammen, sodass sein schwarzer Borsalino nach vorne rutschte. Dunkelheit hüllte ihn ein, nur erleuchtet vom schimmernden Wegweiser auf dem künstlichen Auge. Er schob den Hut wieder an die richtige Stelle, drehte sich nach dem Mann um und hob die Faust, um ihm hinterherzufluchen.

„Pass auf, wo du hinläufst! Du …“

Doch er war bereits um eine weitere Ecke gebogen. Der Sergeant ließ die Faust wieder sinken und schob sie die geräumige Tasche seines Mantels.

Hatte sicher nicht einmal mitbekommen, dass er mit Torochew kollidiert war.

Einer der Trüben. Die Unterweltler, bei denen eine Berieselung durch die Medien nicht mehr ausreichte, um sie ruhig zu halten. Ihrer Nahrung wurden emotionale Suppressoren beigefügt und sie schlurften teilnahmslos durch ihr Leben. Waren nur noch in der Lage, stumpfsinnige Arbeiten zu verrichten, aber davon gab es hier unten genug.

Dieses Verfahren war kein Geheimnis. Die Gesellschaft der Unterwelt war jedoch inzwischen so abgestumpft, dass nur müde mit den Schultern gezuckt wurde, wenn man jemanden darauf ansprach.

Torochew selbst hatte Mitleid mit diesen Leuten und wäre er in der Lage gewesen, etwas daran zu ändern, hätte er sicher nicht gezögert. Doch das war er nicht. Sein Job bestand außerdem darin, gegen die Kriminalität vorzugehen, nicht gegen die Gesellschaft.

Wen sollte er in dem Fall auch festnehmen?

Das war bei Verbrechen einfacher. Im Normalfall war der Übeltäter leicht gefunden. Wer sich zu welchem Zeitpunkt an welchem Ort befand, verrieten die Datenbanken. Falls hier drinnen Verbrechen geschahen, hatten meist die gesellschaftlichen Schutzmechanismen versagt und irgendjemand war durchgedreht. Hatte seine Kollegen angegriffen oder irgendjemand anderen, den er für sein trostloses Leben verantwortlich hielt. Keine wirkliche Herausforderung für einen Mann seines Kalibers. Nur Unfälle waren langweiliger.

Ganz anders war es in der Außenwelt. Die Wildnis, die ihre Stadt umgab, in der es keine Grenzen zu geben schien.

Das Navigationsprogramm malte ein dickes Kreuz auf eine Tür und riss ihn aus seinen Gedanken. Das war der unscheinbar graue Eingang der Segmentüberwachung. Eigentlich sollte die Tür einen knallig gelben Hinweis darauf tragen, was sich hinter ihr verbarg.

Wahrscheinlich war der Angestellte auf Anonymität bedacht. In einer Etage, in der sicher noch mehr schief lief, als Techniker, die von einem überbrückten Verteilerpanel gegrillt wurden, war das nachvollziehbar.

Torochew fokussierte den Eingang, die Türsteuerung erkannte seinen Wunsch einzutreten und scannte seinen Chip.

Als Ermittler des Sicherheitskorps hatte er weitreichende Zugangsrechte. Im Prinzip kam er überall hinein, ausgenommen auf die Privatgrundstücke und Firmengelände der mächtigen Familien. Oder in bestimmte Abteilungen des Rates.

Wenn er die Privaträume von Zeugen betrat, klopfte er gelegentlich, hier aber trat er ohne Pause ein, als er die Freigabe bekam. Kein Grund für unangebrachte Höflichkeit.

Das unwillkürliche Gefühl überkam ihn, dass die Wände voll von Kabeln, Zählern und Kameramonitoren sein müssten, die ihn mit einer Flut flackernder Informationen und nervtötendem Gepiepse empfingen. Fragmente dieser Bilder hafteten seinem Geist an. Eine weitere Erinnerung aus der Vergangenheit?

Die Wirklichkeit manifestierte sich in gigantischen Medienpanels, welche die Wände vollkommen ausfüllten.

Diese fanden in vielen Bereichen Verwendung. Als Wiedergabegeräte für Filme und Musik, Grundfläche für digitalen Wandschmuck oder holografische Spielfelder. Gesteuert wurden sie per Berührung, Augenverfolgung oder gedankengelenkten Fernbedienungen, je nachdem wie groß der Wohlstand seines Besitzers war.

Die Medienpanels in diesem Raum zeigten lediglich den freundlichen Hinweis, dass auf die gewünschten Daten momentan nicht zugegriffen werden konnte.

Klasse, wenn sie bereits beim Tod Tamachis defekt gewesen waren, konnte Torochew wieder umdrehen.

Allein die Beine, die unter dem Schreibtisch am anderen Ende des Raums hervorschauten, hielten ihn davon ab, den Heimweg in sein Bett anzutreten.

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