NaNoWriMo 2016 – Blogparade

Zusätzlich zum Abschnitt, den ich wieder irgendwann heute Nacht veröffentlichen werde, bin ich im Reader auf diese Blogparade der Kreativschreibstube aufmerksam geworden.

Dort gilt es, im Rahmen des Nano folgende Fragen zu beantworten:

Wie war dein Start in den NaNo?

Mit einem Vorsprung für zwei Tage bin ich an Tag eins gestartet. Als Puffer für die schlechten Tage. Die sind zum Glück bisher ausgeblieben und der Nano läuft trotz des normalen Lebens leichter von der Hand als erwartet. Beim letzten Nano musste ich in der Zeit mit bestimmt 10 verschiedene Krankheiten aus der Krippe unseres Sohns kämpfen. 😀

Im Moment stehe ich bei fast 14.000 Worten, also bin ich gewappnet, falls das doch noch passieren sollte.

Welche Ziele hast du dir gesetzt?

Den größten Teil des geplanten Romans fertigzustellen. Der wird wahrscheinlich zwischen 80.000 bis 90.000 Wörtern lang werden, falls die Rechnung aufgeht und keiner der Protagonisten aus der Reihe tanzt.

Ansonsten soll mich der Nano auch aus einem Schreibtief holen, das mich etwa das letzte halbe Jahr geplagt hat. Die Motivation des Nanos tut da einfach gut.

Was für ein Projekt schreibst du?

Was wäre, wenn die Dinosaurier nicht verschwunden wären, weil sie eine schlimme Katastrophe heimgesucht hat, sondern einfach ausgewandert sind? Was, wenn die Menschen, auf der Flucht vor einer eigenen Katastrophe genau dort gelandet wären?

Was wie die Wiederholung der Eroberung Amerikas aussieht, kehrt sich schnell um. Die Dinosaurier haben sich weiterentwickelt, sie sind intelligent und sie wehren sich. Die Menschen, die den Konflikt überleben, werden in Reservaten weggesperrt.

50 Jahre später müssen sich beide Seiten erneut mit den Folgen dieses Konflikts auseinandersetzen.

Mehr Infos zu Sausende Salamander, gibt es hier.

Welche Tipps und Tricks hast du für den NaNo?

Schreib nicht alleine. Such dir Leute, die dich motivieren können, wenn du in einer Krise steckst. Im Nanoforum gibt es genug von uns Verrückten und andere Möglichkeiten sich anzuspornen, damit man bis zum Ende durchhält.

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Verdacht 2.3

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Die letzten Stufen nach unten fragte sich Torochew, ob er jemals wieder die Oberfläche erblicken würde. Die Familien genossen praktisch Narrenfreiheit in ihren Gebieten, die ein Siko selbst bei einem Verdacht nur selten und dann auch nur nach einem bürokratischen Hürdenlauf betreten durfte.

Am Boden konnte sich alles befinden. Ein Folterkeller, unmenschliche Experimente an grotesken Kreaturen oder ein Entwicklungslabor für eine Superwaffe, die das Ende der gesamten Zivilisation bedeutete. Das konnte er ruhigen Gewissens vermuten, ohne sich selbst als Verschwörungsfanatiker abstempeln zu müssen.

Die Familien waren allgegenwärtig. Bestimmten mit ihren Produkten und ihren Medienkanälen wie die Zitadelle funktionierte, und wurden dabei durch den Rat unterstützt. Es gab Grenzen, wie weit die Versuche für neue Technologie gehen durften, besonders im medizinischen Bereich. Wie sollte aber kontrolliert werden, wann sie überschritten wurden, wenn das Gesetz vor der Tür bleiben musste?

Dieses Paradoxon hatte er bereits einmal überwunden und dabei Leben und Job riskiert. Nur, weil er genug unlöschbare Beweise gefunden hatte, war die Sache gut für ihn ausgegangen. Damals war es gegen die Kanter-Gruppe gegangen, dieselbe Familie, für die auch Rufus Hall arbeitete. Nun wurde er von zwei ihrer aufgemotzten Schläger und einem ihrer Bosse tiefer in ihr Gebiet gebracht. Wenn sie sich rächen wollten, war das der ideale Zeitpunkt.

Er musterte die Gorillas aus den Augenwinkeln. Anders als in den alten Gangsterfilmen waren sie weder von Natur aus hässlich noch trugen sie Narben, die typisch für so einen Werdegang gewesen wären. Sie waren makellos. Der eine mit blonden, der andere mit braunen Haaren, die mit so viel Gel zu einem Seitenscheitel geformt waren, dass sie wie Plastik glänzten. Kaum wie richtige Menschen, eher wie Puppen eines angestrebten Schönheitsideals der Voreiszeit. Wenigstens lächelten sie nicht, sondern bedachten ihn mit grimmiger Miene, jedes Mal, wenn sie bemerkten, wie er sie anschielte.

Falls es brenzlig wurde, wie viel Schaden konnte er dann noch anrichten, bevor sie ihm den Arm ausrissen? Im Gefechtssimulator ließ er verschiedene Szenarien berechnen. Die Enge des Treppenhauses und er selbst eingequetscht zwischen den anderen drei, das waren keine guten Voraussetzungen dafür, dass er mehr als einen von ihnen ausschalten konnte, bevor das geschah. Wenn er es schaffte, sich an Hall vorbeizudrücken und ihn als Schild zu benutzen, sahen die Chancen besser aus. Aber so weit musste er erst einmal kommen.

Gegen eine konfliktfreie Lösung hatte er allerdings auch nichts. Schließlich wollte er den Fall ja noch zu Lebzeiten aufklären.

„Licht an! Freigabe Hall, Omega 1“, rief Hall in die Dunkelheit, die sie am Ende der Treppe erwartete.

„Willkommen, Oberster Technokrat Hall“, antwortete ihm eine weibliche Roboterstimme. Nach und nach leuchteten einzelne Wandsegmente auf, beginnend bei der Position der Gruppe. Das grelle Weiß der Niveum-Legierungen blendete Torochew, bis der Raum gleichmäßig erleuchtet war und das Optikimplantat gegensteuern konnte.

Er fand sich in einer schmalen Halle mit gewölbtem Dach wieder. An den Enden der Halle führten beleuchtete Tunnel durch kreisförmige Öffnungen in die Ferne. Sie lagen sich gegenüber und waren durch eine Kuhle miteinander verbunden.

Kein Folterkeller, keine Experimente, nur sterile Leere. Bis auf den schwarzen Schriftzug, der an der gegenüberliegenden Wand der langen Seite prangte.

R27.

Korrekt, sie befanden sich hier unter dem 27. und äußersten Ring der Zitadellenstadt. Die Tunnel der einen Seite führten also ins Innere der Stadt und die anderen hinaus, unter den betonierten Bereich, der darauf wartete, von weiteren Wohnkomplexen, Gewebegebieten oder Vergnügungsvierteln gefüllt zu werden.

„Das sieht kaum so aus, als glaubt Ihr wirklich an den Untergang der Zitadelle“, fasste der Sergeant einen Gedanken in Worte, der ihm gerade kam. „Was ist …“

Der Rest seines Satzes wurde ihm vom Zischen eines weißen Torpedos abgeschnitten, der durch einen der Tunnel schwebend in den Raum schoss und durch eine unsichtbare Kraft so stark abgebremst wurde, dass es in der Mitte der Kuhle und somit vor ihnen zum Stehen kam.

Ehe er Atem holen konnte, um seinen Satz doch noch zu beenden, schälte sich eine ovale Öffnung aus dem Torpedo, glitt beiseite und machte Platz für schwebende Trittplatten, die zu ihr hinauf führten.

„Ist das so etwas wie der U-Bahnhof der Zukunft?“, schaffte er es schließlich.

„Ein was?“, wollte der blonde Gorilla wissen.

„Das war vor eurer Zeit“, speiste er ihn ab. Zu Hall gewandt: „Die Kantergruppe hat wirklich eine U-Bahn-Strecke unter der Zitadelle gebaut?“

„Nur einen kleinen Teil davon“, spielte Hall diese Tatsache herab. „Jede der Familien hat hier ihre eigenen Linien. Genauso die meisten Medienkanäle und der Rat.“

„Und die Allgemeinheit muss zu Fuß oder per Rad durch die Stadt?“

Torochews Empörung erntete nur ein müdes Lächeln. In den Ringen lebten hauptsächlich ehemalige Bewohner der Unterwelt. Die Zitadelle gestand ihnen schon mehr Luxus zu, als sie es früher gewohnt waren. Dazu kamen noch richtiges Tageslicht und frische Luft. Ihnen auch noch Zugang zu einem Verkehrsmittel zu geben, dass sie ohne Mühe in wenigen Minuten vom Rand der Stadt bis zum Zentrum beförderte, wäre dann doch zu viel des Guten. Dass sogar das Sicherheitskorps bisher nichts davon gewusst hatte und auf Räder, alte geborgene Fossilfahrzeuge und auf einen einzigen Schweber-Prototypen beschränkt war, ärgerte ihn doch.

Schlimmer war noch, dass sich nichts ändern würde, selbst wenn Torochew das nun wusste. Privatgelände, dass für sie tabu war. Sie konnten zwar auch einen Antrag, auf einen eigenen Abschnitt einreichen, aber der Rat bewilligte ihnen schon jetzt kaum genug Mittel für angemessene Ausrüstung.

Hall gebot ihm mit einladender Geste, in den Torpedo zu steigen, und Torochew schluckte seinen Ärger hinunter. Sollte sein Boss sich später darum kümmern und sich an seiner Stelle aufregen. Er selbst würde nun bald Informationen zu seinem Fall bekommen. Falls sie ihn nicht doch unter der Erde loswerden wollten.

„Wohin fahren wir?“

„Zurück zur Zitadelle, wo unsere Gemeinschaft ihren Sitz hat.“

Zögernd stieg er ein. Selbst im Inneren war das Vehikel weiß. Er strich mit den Fingerspitzen über eine der Oberflächen. Sitze aus weichem und bequemen Kunstleder. Dazwischen Tische mit integrierten Medienpanels, deren Bildschirme dem Rest der Oberseite glichen, bis sie andere Informationen darstellen mussten. Sitze, Tische und die Niveum-Wände sauber zu halten, musste die Hölle für jede Putzfrau sein. Die war aber sicher ein Reinigungsroboter, der sich kaum beschweren würde.

Torochew setzte sich auf eine der Sitzbänke und wurde vom blonden Leibwächter neben das Fenster geschoben. Er musste scheinbar unbedingt neben den Sergeant sitzen, damit dieser bloß nicht auf dumme Ideen kam. Hall und der andere setzten sich ihnen gegenüber.

„Wählen sie ihr Ziel aus.“

Torochew konnte den Ursprung der weiblichen Roboterstimme nicht ausmachen. Die Worte schienen ihn von überall her, zu umfließen.

„Zentrum“, befahl Hall.

Die Tür schloss sich sanft säuselnd und mit einem kurzen Ruck setzte sich die U-Bahn in Bewegung. Die Halle verschwamm in einem Blitz aus Weiß. Dann wechselten sich Dunkelheit, wenn sie durch einen Tunnel rasten und der helle Schein der Stationen ab. Zehn Sekunden für den Tunnel, ein kaum wahrnehmbares Zucken für jede Station.

Keine fünf Minuten später kündigte ein weiter Ruck das Erreichen ihres Ziels an. Torochew erhob sich, weil er davon ausging, dass sie nun wieder an die Oberfläche steigen mussten. Sein Sitznachbar drückte ihn unsanft zurück auf seinen Platz.

„Sitzen bleiben!“, knurrte er ihn an.

Trennwände tauchten aus dem Nichts auf und separierten den Bereich, in dem sie saßen, vom Rest des Abteils. Was für ein Glück, dass er nicht unter Platzangst litt, sonst wäre er nun ausgeflippt. Die Aussicht, mit diesen Menschen auf engstem Raum eingesperrt zu sein, war dennoch nicht erbauend.

Ein Ziehen im Unterleib kündigte ihm an, dass sie sich jetzt in vertikaler Richtung bewegten. Es ging nach oben.

„Die U-Bahn ist mit einem Aufzug verbunden?“, fragte Torochew. „Raffiniert.“

„Du willst aber viel wissen“, brummte sein lästiger Nebensitzer.

Plötzlich leuchtete ein grüner Punkt im Optikimplantat auf. Er war wieder in das ComNet eingeloggt. Schon trudelte auch die erste Anfrage der Kommunikationsabteilung ein, wo er denn stecke. Sie war nicht von Catherine, also ignorierte er sie. Sie würden warten müssen. Es musste reichen, dass er aufgetaucht war, und kein Suchteam losgeschickt werden brauchte.

Torochew nutze diese Gelegenheit, Betty zurückzurufen, die glücklicherweise nicht eingefangen und in die Sklaverei verkauft worden war. Kurz spielte er mit dem Gedanken, den Hünen neben sich mitsamt der Aufzugswand in die nächste Etage zu pusten und dann Hall zum Verhör zu schleifen. Immerhin befand er sich jetzt wieder in Gebiet, das vom Sicherheitskorps überwacht wurde und hätte das Recht auf seiner Seite gehabt. Doch er wollte ehrlich Antworten von Hall erhalten. Um seine Schläger würde er sich später kümmern.

„Wohin geht unsere Reise eigentlich?“, startete er einen weiteren Versuch, Informationen zu sammeln, ohne Gewalt anwenden zu müssen.

„Halt die Klappe!“, schnauzte ihn sein freundlicher Wächter an. Instinktiv wanderte Torochews Hand zur Position seiner Waffe unter dem Mantel. Wenn er sich nicht beherrschte, würde er doch noch ein Blutbad anrichten.

Hall duldete die schlechten Manieren seines Bodyguards. Weil er sie gut hieß? Oder hatte er sie selbst nicht vollständig unter Kontrolle? Die IDs aller drei wurden in die Fallakte notiert, mit einem Hinweis an seine Kollegen. Sollte er nicht zurückkehren, brauchten sie beim Verhör dieser Leute nicht zimperlich sein. Außerdem fügte er die gespeicherten Daten der Verfolgungsjagd hinzu. Alles, was er jetzt wahrnahm, speiste er direkt in eine der Datenbanken des Sicherheitskorps ein.

Wenn sie ihm schon nicht sagten, wohin genau sie unterwegs waren, fand er es eben selber heraus. Er aktivierte seine Positionsbestimmung. Im Moment passierten sie gerade Ebene O5 in einer von den Aufzugsgruppen unabhängigen Säule der Etagenhülle. Der Aufzug war lautlos und die Menschen, an deren Wohnungswand sie gerade vorbeisausten, wussten wahrscheinlich nicht einmal etwas davon. Wenigstens zeigte die medizinische Überwachung, die an ihre Chips gekoppelt war, keine Regung.

Die Etagenzahl stieg an und wurde zweistellig, bis sie in Bereiche kamen, die fast ausschließlich von den Familien kontrolliert wurden. Nachdem sie die 50er-Marke erreicht hatten, fragte er sich, ob sie am Ende bis zur Spitze reisen würden, O60.

Bei Etage 53 setze die Positionserfassung aus, doch sie bewegten sich immer noch. Gemessen an der Zeit, die sie pro Etage gebraucht hatten, hielten sie auf O58 an. Nein, korrigierte sich Torochew, der Aufzug war langsamer geworden, als sie sich dem Endpunkt näherten. Wahrscheinlich war es nur O57. Diese Information musste er im Speicher des Optikimplantates ablegen, denn mit dem Verlust der Positionserfassung, war auch die Verbindung zur Datenbank abgebrochen.

Löcher fraßen sich in die Wände des Aufzuges, gaben einen Blick auf das umliegende Gebiet frei. Torochew konnte Gestalten erkennen. Viele Menschen in kleinen Gruppen. Angeordnet wie sie selbst und im Gespräch miteinander. Der Anteil an Niveum in der Wand sank weiter, während der Anteil an Luft zunahm und ihm einen besseren Ausblick gestattete.

Sie alle trugen graue Uniformen oder Kutten, mit silbernen Mustern durchsetzt und dem Omega über ihrem Herzen. Wenigstens nahm Torochew an, dass alle auch das Symbol trugen, denn manche saßen mit dem Rücken zu ihm. Der Raum musste eine Kantine sein, denn sie saßen an Tischen, die ihrem glichen.

Das war der Omega-Kult? Ob auch auf jedem von ihnen eine Version des Symbols und des Barcodes verewigt war?

So wie Torochew die Menschen mustern konnte, hatten auch sie nun freien Blick auf ihn. Einzelne bemerkten das Auftauchen ihrer Gruppe und wandten sich ihnen zu. Das Lächeln, das bei Halls Anblick auf ihren Gesichtern erschien, erstarb, als sie Torochew sahen. Argwohn und teils auch Hass. Er konnte nicht sagen, was sie dazu veranlagte. Kannte er jemanden der Anwesen oder sie ihn? Sahen sie ihm an, wozu er gekommen war? Befand sich der Mörder unter ihnen oder waren sie gar alle schuldig?

Ungewohntes Unbehagen kroch über seinen Rücken und ließ an den Stellen, die es passierte eine Gänsehaut zurück.

Wo war er da nur hineingeraten?

Verdacht 2.2

 

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Der Sergeant eilte die scheinbar endlose Treppe hinab. Es ging hinunter in die Tiefe, in ein Gebiet, deren Grundrissen offenbar nicht in der Datenbank verzeichnet waren. Er folgte den Stufen, die sich den Schacht nach unten wanden, schon einige Minuten, bevor er merkte, dass er keine Verbindung mehr zu ihnen hatte, auch nicht zum ComNet.

War es leichtsinnig, dass er seiner Abteilung nicht Bescheid gegeben hatte? Sicher. Doch er musste Rufus Hall einholen. Woher sollte er auch wissen, dass er sich in einen stummen Bereich begab. Er musste irgend einer Familie gehören oder zu einem Geheimprojekt des Rates. Außerdem war dies das beste Training, das er seit Langem bekommen hatte.

Es war ja nicht so, dass er keine Spuren hinterlassen hatte. Die Abdeckung über der Treppe würde die nächste Zeit niemand mehr schließen können. Ein Suchteam, das nach Torochews Verschwinden aus dem Netzwerk aufbrechen würde, würde auf Betty stoßen oder wenigstens ihre letzte Position, falls sie zuvor den Schrottis im Außenring zum Opfer fiel. Von dort aus seinen Weg zu verfolgen war nicht schwer, selbst wenn in diesem Ring noch keine flächendeckende Überwachung installiert war. Die Schrottis verdienten ihren Lebensunterhalt eigentlich mit der Bergung antiker Technik aus den umliegenden Ruinen. So nah am Rand der Stadt, war es nicht unwahrscheinlich, dass sie Betty schon zu legaler Plünderbeute zählten.

Er hatte jedoch vor, aufzutauchen, bevor ihn jemand vermisste. Und falls Betty später fehlte, würde er es sich persönlich auf die Fahne schreiben, in der Schrotti-Szene aufzuräumen.

Die Treppe war unbeleuchtet. Rufus Hall, dessen Vorsprung immer geringer wurde, hatte eine Lichtquelle bei sich, dessen Schein bis Torochew vordrang. Dem Optikimplantat reichte das aus, um den Abstieg virtuell in hellem Licht erstrahlen zu lassen.

Gleich hatte er ihn eingeholt.

Torochew stolperte beinahe über den Luminostab, den der Untergangsprediger auf der Flucht fallen gelassen haben musste. Ein Stab von zwanzig Zentimetern Länge, der Licht speicherte und wieder abgab, wenn man ihn schüttelte oder knickte.

Lief er blind weiter? Bei dem Gleißen, das den Sergeant jetzt umgab, konnte er das nicht mehr erkennen. Grell überstrahlte es alles andere, was das das künstliche Auge wahrnahm. Nur seinem biologischen Gegenstück war es zu verdanken, dass Torochew die Metallstange bemerkte, bevor sie ihn in die Dunkelheit der Bewusstlosigkeit befördern konnte.

Mit geübter Abwehrbewegung lenkte er den Schlag ab und die Stange traf stattdessen die Wand, an der sie funkensprühend entlang schrammte. Das Ende hielt ein erstaunter Rufus Hall, der sich vom verlotterten Untergangsprediger zum Geschäftsmann gewandelt hatte.

Das Dunkelblau seines Anzuges hob sich nur unmerklich vom Schwarz des Treppenabganges hinter ihm ab. Allein die grauen Nadelstreifen zitterten im Schein des Lichtes. Genau wie sein Gesicht, dessen Augen sich entsetzt weiteten, als er sich der Mündung Torochews Waffe gegenüber sah.

„Sicherheitskorps! Keine Bewegung!“, brüllte der Sergeant ihn an, worauf er vor Schreck die Stange endlich fallen ließ. Mit einer Spitze traf sie auf einer Stufe auf und prallte ab. Der helle Klang bei jedem weiteren Aufprall ließ darauf schließen, dass es in Wirklichkeit ein Rohr war und das hohle rollende Geräusch das folgte, kündigte den Boden und somit das Ende der Treppe an.

Die Miene des Mannes hellte sich auf, ganz untypisch für Gauner, wenn sie den Namen seines Arbeitgebers hörten. „Sicherheitskorps? Und ich dachte schon, ein Attentäter hätte es auf mich abgesehen.“

„Kein Grund zum Entspannen. Bei dem Mist, den Sie dort draußen verzapfen, kommt vielleicht noch einer.“

Die Augen des Geschäftsmannes hoben sich, während er seine Hände an seiner Anzugshose abwischte. Angstschweiß, wie das Optikimplantat feststellte.

„Mist? Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon sie sprechen, Captain …“

Bis zu diesem Rang hatte er noch einen Weg vor sich, falls er ihn je erreichte. Wahrscheinlich würde er für immer beim Fußvolk bleiben. „Sergeant Torochew. Plumpe Schmeicheleien und unschuldiges Getue bringen bei mir nicht, nur um das gleich klar zu stellen.“

Halls Gesicht verzog sich. Die Augenbrauen wanderten nach unten und sein Blick sprang unstetig zwischen Waffe und seinem Besitzer hin und her.

„Herr Hall, ich weiß genau, dass Sie gerade noch den Untergang des Abendlandes prophezeit und den Abschaum der Zitadellenstadt zum Aufstand ausgewiegelt haben.“

Der Mund seines Gegenübers öffnete sich einen Spalt. Hall wollte sicher etwas entgegnen, doch Torochew ließ ihm keine Zeit dazu. „Ja, ich weiß, was sie sagen möchten. ‚Das muss eine Verwechslung sein. Sehe ich aus, wie eine Vogelscheuche, die seit einem Jahrzehnt kein MedCenter oder keine Druckluftdusche von innen gesehen hat?‚ Natürlich nicht. Aber selbst wenn Sie das Ende der Technologie predigen, sollten Sie doch wissen, dass der ID-Chip nicht lügt.“

„Anwalt?“, brachte Hall in der kurzen Pause hervor, die Torochew brauchte, um seine Lungen mit neuer Luft zu füllen.

„Bei der Zitadelle, warum fragen Sie gleich nach einem Anwalt? Sind Sie Darsteller in einer schlechten Kriminalserie der Voreiszeit? Wenn ich das richtig sehe, befinden wir uns hier nicht einmal in der Zitadellenstadt und somit außerhalb des Wirkungsbereichs all ihrer Anwälte der Welt.“

Rufus Hall entspannte sich, als er entgegnete: „Sollte der Handlungsbereich des Sicherheitskorps dann nicht auch am Eingang zu dieser Treppe enden?“

„Das tut er. Welcher Familie diese Zone auch immer gehören mag, ich bräuchte einen Ratsbeschluss, um Sie hier zu verhören. Andererseits würde mich auch kein anderer Siko dafür verfolgen, wenn ich den Abzug drücke.“

Er wurde bleich, soweit Torochew das im Gefecht erkennen konnte, das sich das grelle Licht im Implantat mit der Dämmerung im Auge lieferten.

„Oh, und ich drücke heute wirklich gerne ab.“

„Aber sie haen es noch nicht getan, weil …?“

„Weil Sie mir dann natürlich nicht mehr antworten können. Mann, wo ist nur ihre Rhetorik geblieben?“

Rufus Hall zuckte mit den Schultern. „Die ist beim Anblick ihrer Waffe geflüchtet. Falls Sie mich nicht erschießen wollen, Sergeant Torochew, könnten Sie bitte auf etwas anderes zielen? Diese Ungewissheit, ob ich die nächsten Minuten sterben werde, bringt mich sonst noch um.“

Torochew lächelte schwach über diesen Witz und senkte seine Waffe. Nun zeigte sie nur noch auf Halls Oberschenkel, statt auf sein Gesicht. Kein Problem für ein MedCenter, falls er versehentlich doch noch die Kontrolle über den Finger am Abzug verlor.

„Was wollen Sie? Ich bin selbstverständlich im Besitz einer Redegenehmigung des Rates. Alles legal. Und nur, weil ich meine Ansprache in einer Verkleidung abgehalten habe, sollte ich doch gegen kein Gesetz verstoßen haben, oder doch?“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Rat auch den Inhalt dieser Ansprache genehmigt hat. Wenigstens nicht, wenn sich der Beamte auch die Mühe gemacht hat, einen Blick darauf zu werfen.“

Hall hob die Arme und entgegnete mit feierlicher Stimme: „Die Wege des bürokratischen Apparates sind unergründlich, Sergeant Torochew.“

Was für ein Clown. Vielleicht würde er ihn doch noch erschießen. „Ich kann mir vorstellen, dass ich diese Wege sehr gut verfolgen kann, wenn ich mir etwas Mühe gebe.“ Torochew schwenkte seine NH32 auf das andere Bein des Mannes, um ihm zu zeigen, welche Art des Nachdrucks er meinte. Der zuckte dabei zusammen. Dann steckte der Sergeant die Waffe mit einer fließenden Bewegung zurück in das Holster. Er hatte sich endgültig dagegen entschieden, ihn umzulegen.

„Um ehrlich zu sein, bin ich nicht wegen Ihrer Rede hinter Ihnen her.“

„Nicht?“

„Nein.“

Wieder entspannte Hall sich und seine Hände wanderten ein weiteres Mal zur Hose, die durch den abgewischten Schweiß bereits eine Nuance dunkler geworden war.

„Nein, es geht lediglich um Mord.“

Hall schluckte. Die Höllenqualen, die er bei diesem Gespräch durchleiden musste, konnte Torochew ihm auch ohne Unterstützung seines Implantats vom Gesicht ablesen. Er musste langsam zum Punkt kommen, sonst erlitt er am Ende noch einen Herzinfarkt und würde ihm ohne Antwort wegsterben, weil er dank fehlender Verbindung zum ComNet keine Meds anfordern konnte.

Falls er Antworten erhielt, wollte er natürlich auch etwas mit ihnen anfangen können. Deswegen gab er dem Luminostab einen Tritt. Es rollte einige Stufen nach unten und die Helligkeit in Torochews linkem Gesichtsfeld normalisierte sich. Jetzt konnte er den Lügendetektor aktivieren.

„Sagt ihnen der Name Groenwald etwas? Oder Tamachi?“

Halls Augen wurden um eine Winzigkeit größer und als Zeichen des Erkennen registriert.

„Sie kennen sie“, stellte der Sergeant fest.

„Ich habe noch gar nicht geantwortet“, entgegnete er irritiert. „Den Sikos bleibt also wirklich nichts verborgen?“

„Nein. Sie können eigentlich sofort auspacken.“

„Auspacken?“

„Stellen Sie sich nicht dumm! Ich will wissen, was Sie mit dem Tod der beiden zu tun haben.“

Das Implantat nahm deutliche und ehrliche Anzeichen des Entsetzens wahr, die auch Torochew nicht entgingen. Bei der Zitadelle, wenn sich seine Augen noch mehr weiteten, würden sie aus den Höhlen fallen.

„Die beiden sind tot? Wie das?“

Auf Halls Stirn bildeten sich Schweißperlen, von denen die ersten fast sofort nach ihrem Auftreten unter der Last ihres Gewichts kullernd den Weg hinab über seine Wangen nahmen. Er wischte sie mit seinem Ärmel ab, der bald genauso fleckig, wie seine Hosenbeine sein würde.

„Tamachi ist bei der Arbeit an einem Stromschlag gestorben und Groenwald in einen Aufzugsschacht gestürzt. Beides sah zu Beginn, wie ein Unfall aus. Versagen der Zitadellentechnologie.“

„Aber es war keiner?“

„Nein, sonst wäre ich kaum hinter Ihnen her.“

„Werde ich etwa verdächtig? Warum?“

Auch wenn sich Rufus Hall nun Mühe gab, unschuldig und unwissend zu wirken, verrieten ihn seine körperlichen Reaktionen. Jetzt musste er eigentlich nur noch das richtige Stichwort geben, dann sollte der Mann zusammenbrechen und alles gestehen.

„Omega.“

„Omega?“ Ehrliche Verwirrung. „Wenn es darum geht, kommen doch noch hunderte andere in Frage. Warum gerade ich? Mal abgesehen, dass die beiden hoch angesehen waren.“

Nun stellte sich die Verwirrung bei Torochew ein, auch wenn er der Einzige war, der das wahrnehmen konnte. Das war irgendwie nicht die Antwort, die Torochew erwartet hatte. Hall sprach so von Omega, als sollte es ihm bekannt sein. War er am Ende doch nur Teil einer Studentenvereinigung. Etwa ein ehemaliges Mitglied? Und die Weltuntergangspredigten waren nur eine Art Werbung, die der Sergeant nicht verstand? Er sah ein, dass er einen noch direkteren Weg wählen musste, damit endlich sinnvolle Antworten bekam. „Ich habe keine Ahnung, was Omega ist. Klären Sie mich auf. Wenn Sie kooperativ sind, wird sich das auf ein späteres Urteil positiv auswirken.“

„Urteil? Ich habe nichts getan, nur damit das klar ist. Sergeant, wollen Sie den wahren Täter erwischen oder brauchen Sie für Ihren Fall nur einen Sündenbock?“

Das warf ein trauriges, aber nur allzu wahres Bild auf das Sicherheitskorps, weil diese Frage durchaus angebracht war.

„Den wahren Täter.“

„Dann will ich Ihnen helfen, soweit ich kann. Auch ich bin daran interessiert, dass der Mörder dieser Männer bestraft wird.“

„Freunde von Ihnen?“

Hall schüttelte traurig den Kopf. „Nein, Sie waren mehr. Meine Brüder.“

„Brüder? Das ist kaum möglich, bei den ethnischen Hintergründen der beiden.“

„Nein, keine Brüder im Blute, eher im Geiste.“

„Waren sie ebenfalls Endzeitprediger?“

„Sie mögen vielleicht nicht viel von meiner Berufung halten, doch Sie ist wichtig.“ Hall lächelte trocken. „Aber nein. Die beiden gingen nicht auf die Straßen, um die Menschen vor ihrem Untergang zu bewahren oder ihnen von ihrer nahenden Freiheit zu berichten. Die Aufgaben, die jeder von uns trägt, sind vielfältig.“

„Und ihr seid wer?“

„Der Omega-Kult.“ Unwahrscheinlich, doch er musste das riesige Fragezeichen in Torochews Gesicht erkennen, obwohl es so dunkel war. „Sie scheinen nicht viel in der Oberwelt herumzukommen. Wenigstens in den Medienkanälen müssen Sie doch schon von uns gehört haben.“

„Ich stehe eher auf Filme der Voreiszeit. Die hat kaum ein Kanal im Programm.“

„Sich von der Verblendung durch die Medienkanäle abzuwenden, ist ein weiser Entschluss. Sie scheinen ein interessanter Mann zu sein, Sergeant Torochew. Ich werde einmal vergessen, dass Sie gerade noch eine Waffe auf mich gerichtet haben.“

Hall wollte noch etwas hinzufügen, doch er stockte. Stattdessen schüttelte er energisch den Kopf, sah dabei aber an Torochew vorbei. Das galt jemand anderem.

Eine Hand legte sich mit festem Griff auf Torochews Schulter.

„Eine falsche Bewegung, und ich brech dir ein paar Knochen, du Zwerg“, raunte ihm eine Stimme ins Ohr. Verdammt! Das war der Gorilla, der ihm bereits gezeigt hatte, dass er den Körperkontakt nicht scheute.

„Der Sergeant ist mein Gast. Verzichtet also bitte darauf, ihm Knochen zu brechen.“

Dann wandte er sich wieder Torochew zu.

„Bitte folgen Sie mir. Ich werde Ihnen zeigen, was der Omega-Kult ist und wer etwas über Groenwald und Tamachi wissen könnte.“

Würde es jetzt doch auf Zeugenbefragungen hinauslaufen? Das hätte er wirklich einfacher haben können. Aber was beschwerte er sich? Das war immerhin auch Teil seines Jobs, auch wenn er manchmal lieber erst schoss und dann fragte.

Verdacht 2.1

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Kleine Gruppen hatten sich um Heizröhren versammelt, eine freundliche Spende der Ring-Administration. Ihre Hände wanderten darauf zu, um sie zu wärmen, nur um sie einige Sekunden später wieder wegzuziehen, damit sie nicht verbrannten. Die Dinger waren antik und eigentlich eine Gefahr, die ihren Weg zurück in den Kreislauf finden sollte.

Der Schnee unter Torochews Füßen knirschte und sein Atem zog sichtbar durch die eisige Winterluft, als er auf die Menge zuging. Sie hörten gebannt den Parolen eines einzelnen Mannes zu.

Rufus Hall zu finden erwies sich am Ende doch leichter als gedacht. Zumindest seine Vogelscheuchenversion. Torochew hatte gerade den Maßnahmenkatalog zu seiner Ortung aufgestellt, da tauchte er auf dem Radar auf, inmitten dieser kleinen verwahrlosten Volksmenge im äußersten Ring.

Torochew musste sich wirklich zusammenreißen, damit er keine volle Ladung seiner NH32 auf die Kiste abgab, die sich der Mann als Bühne auserkoren hatte. Auch wenn er inhaltlich nicht weit daneben lag, missfiel Torochew die Art, wie er versuchte, die Menge gegen die Zitadelle aufzuwiegeln. Aber dieser Neigung nachzugeben oder den Redner noch während seines Auftritts festzunehmen, hätte das Publikum in seiner Haltung gegen die Obrigkeit bestärkt.

Deswegen gesellte er sich unter die Zuhörer und wurde eins mit dem potenziellen Feind. Äußerlich stimmte er in ihre Sprechgesänge ein, innerlich verachtete er sie und wartetet geduldig, bis die Ansprache beendet war.

„Nieder mit der Zitadelle!“, rief einer aus der Menge.

„Nieder mit ihrer teuflischen Technologie!“, antwortete ein anderer.

„Auf zur Administration!“

Die angestachelte Menge machte sich bereit, ein Stück Zitadelleneigentum zu verwüsten. Zwecklos. Mit Händen und Füßen konnten sie nichts ausrichten. Selbst Knüppel und Metallstangen, mit denen einige von ihnen bewaffnet waren, hinterließen an den schweren Niveumtüren sicher nicht den kleinsten Kratzer. Die Administration würde warten, bis sie müde wurden und keinen Grund sehen, die Sikos zu rufen.

Rufus kletterte währenddessen von seinem Podest. Das Chaos war angerichtet und er konnte wieder in einer dunklen Gasse verschwinden. Nur diesmal würde er nicht weit kommen.

Torochew zog den Kragen zurecht, stellte das Optikimplantat auf Verfolgungsmodus und drückte sich höflich aber bestimmt an den anderen vorbei.

Als ahnten sie, dass der Sergeant es auf ihr Idol abgesehen hatte, stellten sich zwei der Fans in seinen weg und bremsten seinen Vorstoß.

„Geht mir aus dem Weg!“

„Der Boss möchte nicht gestört werden.“

Unter dem Schatten seiner Hutkrempe sah der Sergeant die Gesichter der beiden nicht, nur ihre muskulösen Oberkörper, die durch die hautengen Synthetikshirts durchschienen.

Wieso hatte so ein Typ zwei Gorillas als Bodyguards?

Doch zum Boss eines Familienzweiges passten sie genau. Was jedoch die Kanter-Gruppe für ein Interesse an einem Aufstand der Armen hatte, war eine andere Frage. Um die zu klären, und ihre mögliche Verstrickung in die Morde, musste er an den beiden vorbei.

„Jungs, geht mir aus dem Weg, sonst muss ich euch wehtun.“

„Oh, der Zwerg hat Mut.“

Torochew sah nicht, wer von den beiden sprach, machte sich auch nicht die Mühe, den Blick zu heben. Er war eigentlich nicht klein, die beiden waren einfach nur verdammt groß. Leider sah er so auch nicht den Schlag, der auf ihn niedersauste.

Der Borsalino wurde von seinem Kopf katapultiert, bevor die Faust knackend mit seiner linken Gesichtshälfte kollidierte. Der Gorilla hatte Wangenknochen und Zähne erwischt.

Sergeant Torochew ließ sich zurückfallen und entging so der Kopfnuss, die dem Schlag folgte. Auf dem Weg zum Boden strich er sich prüfend mit der Zunge über die Eckzähne.

Etwas locker, klasse.

Noch bevor er aufschlug, aktivierte sich der Gefechtsmodus des Optikimplantats. Es teilte die Körper seine Widersacher in Zonen ein. Wo lagen die Schwachstellen, wie hoch war die Trefferwahrscheinlichkeit? Waren die entstehenden Verletzungen umkehrbar und welche Kosten entstanden dabei?

Auf den letzten Punkt musste er besonders acht geben. Es kam regelmäßig vor, dass Opfer von Einsätzen des Sicherheitskorps Klagen anstrengten, weil sie sich unrechtmäßig behandelt fühlten.

Er hatte die Gorillas nicht gewarnt, dass er ein Siko war. Eine Klage konnte also Erfolg haben. Außerdem verriet ihm das Implantat, dass nicht geringer Aufwand betrieben wurde, um sie von Straßenschlägern zu Kampfmaschinen aufzuwerten.

Künstliche Muskelfasern, Niveum-Panzerplättchen an verwundbaren Stellen und gesteigertes Lungenvolumen, um nur die Top-3 der Verbesserungsliste zu nennen. Egal, was er kaputtmachte, es würde teuer werden. Und er musste Schaden anrichten, da eine Betäubung nicht durch die Abwehrmaßnahmen durchdringen würde.

Torochews Waffe fand den Weg in seine Hand und legte auf das linke Bein des Gorillas an, der gerade der Schwerkraft nachgeholfen hatte. Er biss er die Zähne zusammen, während die Reparaturkosten des anvisierten Körperteils warnend aufblinkten. Rote Schrift, schwarz umrandet.

Im letzten Augenblick visierte er stattdessen den Boden zwischen ihm und den Schlägern an.

Das Explosivgeschoss schleuderte eine Fontäne aus Schnee, Betonstücken und Dreck in die Luft, bevor Torochew den Boden erreichte und nach rechts abrollte.

Es war eigentlich nicht seine Art, sich vor einen Kampf zu drücken. Doch es würde gewaltigen Ärger bedeuten, wenn er unnötigerweise Menschen verletzte, solange er einem bisher unbestätigten Verdacht nachging.

Während er darauf achten musste, niemanden zu verletzen, galt das anders herum leider überhaupt nicht. Die beiden würden ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, zu Brei verarbeiten.

Wenn er es nicht schaffte, ihnen zu entkommen und Rufus Hall einzuholen, konnte er immer noch seine Siko-Karte spielen und seinen Hals retten. Auch wenn er dafür eine Rüge und das Gelächter der Kollegen ernten würde. Irgendwie bereute er seinen Alleingang schon ein kleines Bisschen.

„Betty, gib mir einen Lageplan und Personenpositionen!“

Das Optikimplantat zeigte Rufus grün umrandete Umrisse, wie er sich entfernte, sowie rote Umrisse für seine beiden Leibwächter. Alle anderen Anwesenden erschienen nun zusätzlich als schwache blaue Umrisse, dort wo Betty sie aus der Luft beobachtete.

Sie hoben sich vom Grau des aufgewirbelten Schutts ab. Wegen ihm konnte hier auch ein Sandsturm wüten, und er würde sich immer noch orientieren können.

Torochew entdeckte eine Lücke, die zwischen den Gorillas und anderen Zuhörern entstanden war. Wenn sie neben ihren körperlichen Aufrüstungen nicht auch noch über geklaute Technologie der Sikos verfügten, war das seine Möglichkeit, zu fliehen.

Torochew schwang sich auf die Beine und setzte zum Sprint an.

Noch blieben die beiden Bodyguards stehen, drehten ihre Köpfe, um ihn in der Staubwolke auszumachen.

Gleich war er an ihnen vorbei.

Plötzlich drehten sich beide in seine Richtung. Seine Deckung war verflogen. Mit ausgebreiteten Armen versuchte der eine, sich ihm in den Weg zu stellen. Doch Torochew war zu schnell und das motorische Gedächtnis seines Körpers ließ ihn eine ausweichende Drehung vollführen. Genau wusste er es nicht, aber es war möglich, dass er vor seiner Zeit in der Kältekammer Rugby gespielt hatte.

Er ließ die beiden hinter sich und sprintete durch die schmalen Gänge zwischen den Menschengruppen, dem grünen Umriss hinterher.

„Haltet den Mistkerl auf!“, brüllte einer von ihnen, wurde aber vom Grölen des Mobs übertönt. Selbst ohne den Lärm hätte niemand auf ihn gehört. Man konnte eigentlich nur verlieren, wenn man sich soweit am Rand der Zivilisation irgendjemandem in den Weg stellte.

Torochew erreichte die Gasse, in der Rufus Hall gerade verschwunden war.

„Betty, Kraftfeld vor den Gasseneingang!“

„Sehr gerne Sergeant Torochew.“

Nun hatte er den Rücken frei. Zu schade, dass er die Gesichter der Gorillas nicht mehr sehen konnte, wenn sie sich endlich durch die Menge gearbeitet hatten und erkennen mussten, dass ihre Mühe umsonst gewesen war.

Damit seine sportliche Einlage nicht vergebens war, musste er sich beeilen. Rufus Hall hatte bereits einen Vorsprung von 107 Metern. Hörte sich nicht nach viel an, sollte die Ortung jedoch erneut versagen, konnte das reichen, um ihm zu entwischen.

Torochew schaltete den Gefechtsmodus ab und aktivierte das verbesserte Navi des Verfolgungsmodus. Das zeigte ihm nicht nur die Strecke an, die sein Ziel benutzt hatte, sondern auch Abkürzungen. In dünnen grauen Linien wurde schemenhaft angedeutet, was sich hinter Wänden befand, wenigstens zur Zeit der letzten Aktualisierung. Hindernisse wurden früher sichtbar und unterstützen Torochew in seiner Wegfindung.

Er nahm Anlauf und kletterte einen Stapel Metallkisten hinauf, die eine Leiter zu einer Mauer bildeten. Das sah nach einer guten Idee aus, bis die dritte Kiste beiseite rutschte, als er einen Stiefel darauf setze.

Adrenalin schoss ihm in die Adern und Torochew stieß sich in Richtung Mauerkrone ab. Wenn er schon abstürzte, tat er es nicht ohne Gegenwehr!

Der Schwung reichte aus, aber der Schnee machte einen Halt an der Oberseite schwierig.

„Spikes!“, schickte er einen Befehl über das Optikimplantat an die angeschlossene Synthetikkleidung.

Falls das zu unpräzise gewesen sein sollte, würde seine Kleidung sich gleich aufblähen und er als gigantischer Kugelfisch die Mauer hinabrutschen. Doch das Implantat deutete das Bild, dass er bei dem Gedanken im Kopf gehabt hatte richtig.

Stacheln schossen aus den Handflächen seiner Handschuhe hervor und gruben sich knirschend in Schnee und Mauerwerk. Ohne Zeit zu vergeuden, wiederholte er die Anweisung für seine Stiefelspitzen, kletterte nach oben und schwang sich über die Mauer.

Sein schwerer Mantel hob sich beim Sprung kaum merklich und zog ihn bei der Landung unnachgiebig auf die Knie. Der Pulverschnee stob um ihn herum auf und Torochew hinterließ einen grauen Kreis gesäuberten Asphalts, bevor er mit schmerzenden Beinen weiter rannte.

Kein Problem, sagte er sich unter zusammengebissenen Zähnen. Am Abend würde er kurz das MedCenter besuchen. Er musste diesen Weg nehmen, immerhin hatte die Abkürzung den Vorsprung auf 42 Meter verkürzt. Dank des chaotischen Layouts dieses Rings, sah er von Rufus Hall immer noch nicht mehr als den grünen Umriss. Der nun ebenfalls rannte.

„Mist!“

Seine Gorillas mussten auf die Idee gekommen sein, ihn zu warnen.

Eine weitere Mauer kam dem Sergeant entgegen und er entschloss sich, sie diesmal einfach weg zu sprengen. Niemand befand sich in der Nähe und konnte dabei verletzt werden. Der angerichtete Schaden würde im Vergleich zu aufgemotzten Körperteilen verschwindend gering sein.

Er streckte im Laufen die Waffe aus, feuerte ein Explosivgeschoss ab und rannte mit der Schulter voraus durch das herabfallende Geröll. Ein Stein erwischte ihm am Kopf und er vermisste schmerzlich seinen Borsalino, der inzwischen sicher von den Massen plattgetrampelt worden war. Doch der Treffer war nicht ernst. Schlimmer war das Klingeln in seinen Ohren. Er hatte sich zu nah an der Explosion befunden. Dennoch machte ihm das Ganze viel mehr Spaß als der Aufenthalt auf dem Schießstand.

Noch 17 Meter. Dort vorne um die Ecke, dann hatte er Rufus Hall eingeholt.

Torochew klopfte Stücke der Mauer von seinem Mantel, als er um die Ecke bog und stoppte schwer atmend und irritiert.

Rufus Hall war weg. Der grüne Umriss verschwunden und seine Fußspuren im Schnee endeten mitten in der Gasse.

Prüfend sah er nach oben, ob er den Mann nicht irgendwo in der Luft zu einem Punkt schrumpfen sah. Der Himmel war klar und nur ein Schwarm Vögel zog in einem V gen Süden, auf der Flucht vor der unerwarteten Rückkehr des Winters. Mit dem nächsten Blick prüfte er den Boden.

Da!

Ein kaum wahrnehmbarer Strich ging durch den Schnee, von einer Gassenwand zur anderen. Er dankte der Tatsache, dass er doch ein bisschen Maschine war, sonst wäre er ihm nicht aufgefallen.

Mit dem linken Stiefel trat er behutsam auf den Bereich hinter der Linie. Der Untergrund war fest, genauso, wie beim Rest der Gasse.

Torochew sah sich um, ob sich im Boden oder den Wänden Technologie versteckte. Ein Sensor, der darauf wartete, beim Erkennen der richtigen ID, eines Befehls oder dem Abgleich biometrischer Daten, eine Öffnung nach unten zu öffnen.

Er fand nichts.

Sein Körper war immer noch im Jagdmodus und pumpte adrenalingeschwängertes Blut durch seine Adern. Darauf würde er es schieben, falls später jemand sein Handeln infrage stellte.

Torochew lächelte zufrieden und streckte seine Waffe ein weiteres Mal aus.

Verdacht 2.0

Verdacht2_0.png

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Der nächste Treffer wirbelte eine Staubwolke auf.

„Mist!“

Sergeant Torochew kniff sein Auge zusammen und versuchte, die Zielscheibe mit dem Optikimplantat zu fokussieren. Nichts. Die schlechte Sicht zwang ihn tatsächlich, das Feuer einzustellen.

Von außen betrachtet stand er vollkommen ruhig da, seine NH32 wartend auf den Kopf des Ziels ausgerichtet. Wie ein Raubtier, das in seinem Versteck auf die erste Bewegung seines Opfers lauerte. Es in Sicherheit wiegte, nur um es einen Moment darauf niederzustrecken.

Wenn man seinen Blick allerdings zum Schlachtfeld wandern ließ, das er am anderen Ende des Schießstandes angerichtet hatte, verflog dieser erste Schein.

Noch wurde das Ergebnis seiner Schießübung von einer wabernden grauen Wand verborgen, doch nach und nach nahmen die schemenhaft verzerrten Formen Gestalt an.

Eine Landkarte der Zerstörung zog sich über die Rückwand.

Links begonnen mit Einschusslöchern steigender Größe, bis ein komplettes Segment von zwei Metern Breite einfach fehlte, pulverisiert in feinen Staub, der sich über die gesamten Breite des Raums verteilte. Weiter rechts vereinte er sich mit den brodelnden Pfützen geschmolzenen Metalls und Plastiks zu einem grauen Matsch. Dort hatte Torochew in einem Inferno aus Flammen, Blitzen und Licht die volle Batterieladung seiner Waffe aufgebraucht.

Er war immer noch aufgewühlt.

Wäre das Gefühl der Befriedigung größer gewesen, wenn er etwas von Bedeutung zerstört hätte? Der Schießstand reparierte sich, sobald er den Raum verließ. Ziele, Boden und Wände sahen danach aus wie neu.

Etwas Wichtiges innerhalb der Zitadelle zu zerstören, hätte jedoch zur Folge gehabt, dass er die nächste Zeit keine Waffe mehr in die Hand nehmen durfte. Wenn überhaupt noch einmal. Der Einsatz außerhalb ging immer mit der Gefahr einher, von etwas gefressen zu werden, das nicht im Geringsten von seiner Schießwut beeindruckt zeigte.

Schwer klackend rastete die Bunkertür hinter ihm zu.

Die Waffenausgabe passierte er, ohne den wachhabenden Offizier eines Blickes zu würdigen, und steuerte direkt auf die Umkleideräume zu. Er hatte keine Lust auf belanglose Konversation. Die einzige Person, mit der er reden wollte, schien unerreichbar. Retten konnten ihn in dem Fall nur noch weiterführende Hinweise, damit er sich wieder in die Arbeit stürzen konnte. Doch die ließen noch auf sich warten.

Eine Verschwörung der Kommunikationsabteilung, weil er eine Kollegin angeschnauzt hatte? Schon möglich, aber wenn er wie Max und Harald hinter allem eine Verschwörung vermuten würde, konnte er sich bald nicht mehr vor die Tür trauen.

Sein Spind von der Größe eines Schuhkartons öffnete sich automatisch, als er davor anhielt. Natürlich gab es heute keine Schuhkartons mehr. Schuhe wurden, genau, wie das meiste andere, in Form kleiner Syntheseplättchen geliefert, eingehüllt in ein minimal größeres Plastiketui.

Genau das enthielt er auch hauptsächlich. Verschiedene Schutzwesten, zu denen sich nun auch die komprimierte Version derer gesellte, die er vorschriftsgemäß während der Schießübung getragen hatte. Den größten Platz nahm die Ladestation der Waffe ein, in der seine NH32 zufrieden einrastete, während Torochew seine Kleidung wechselte.

Es dauerte keine Minute, bis er wieder Mantel, Hut und seine, mit frischer Energie und Projektilplättchen beladene Waffe trug.

Immer noch keine Meldung der Kommunikationsabteilung.

Er konnte eigentlich gerade wieder kehrtmachen und den Schießstand ein weiteres Mal zerlegen. Doch er würde sich zwingen, zuvor wenigstens einen Kaffee zu trinken.

Sergeant Torochew setzte die grimmigste Miene seines Repertoires auf und zog seinen Borsalino etwas tiefer. So verbarg seine Krempe wenigstens sie Gesichter seiner größeren Kollegen. Die Fäuste rammte er tief in die Taschen des Mantels und stapfte mürrisch los, sobald sich die Tür zum Gang geöffnet hatte.

Den Blick starr gerade aus, auf den Nahrungssynth gerichtet. Der Weg war frei, keiner seiner Kollegen hielt ihn diesmal auf. Noch fünf Meter, dann zwei und schon stand er davor, die Hand ausgerichtet auf das Touchfeld.

Er nutzte die Bedienung per Hand, weil das ein offensichtlicheres Zeichen war, was er vorhatte, als die Gedankensteuerung.

Die erwartete Unterbrechung, kurz bevor sich sein Finger auf das Bedienfeld senkte, blieb aus. Kein Anruf mit den neuesten Informationen.

Nun, dann würde er jetzt sein Getränk genießen.

Nein, es gab keinen Genuss, eher würde er, dem Kaffee gleich, vor sich hin kochen.

Eigentlich gab es ja genug zu tun, mit dem er sich die Zeit vertreiben konnte. Etwa Groenwalds oder Tamachis Arbeitskollegen und Freunde befragen. Doch er wusste, dass genau, wenn er bis zum Hals in den Verhören steckte, die heiß ersehnte Information doch eintraf.

Diese lästige und sicher ergebnislose Aufgabe musste dennoch irgendwann erledigt werden. Torochew erwog, ob er sie an Harald oder Max dirigieren konnte. Die beiden waren ja scharf auf einen sinnvollen Job. Natürlich waren sie erstklassige Ermittler, aber er würde pausenlos mit Verschwörungstheorien bombardiert werden, bis er am Ende glaubte, sie seien tatsächlich Teil des Falls. So sehr er ihnen einen Anteil an der Aufklärung gegönnt hätte, musste er den Einfall sofort wieder verwerfen.

Er ging davon aus, dass die Kommunikationsabteilung kein Informationsembargo gegen ihn verhängt hatte. Sie mussten entweder einen anderen wichtigen Job bearbeiten, oder seine Anfrage war zu komplex für sie. Vielleicht auch zu vage.

Da er für die Befragung beim besten Willen keine Motivation aufbringen konnte, begab er sich selbst auf die Suche nach dem geheimnisvollen Omega. So konnte er zudem rechtfertigen, keine Zeit für die Kollegen seiner Opfer zu haben.

Torochew erreichte sein kleines Büro und Blickkontakt zu seinem Medienpanel reichte aus, um es ohne spürbare Verzögerung zu starten. Er aktivierte Kraken, das Werkzeug des Sicherheitskorps, um alle Daten einzusammeln, die es zu einer beliebigen Sache gab.

Manches war einfach zu finden. Alle Personen, die in der Zitadelle geboren wurden und alles, das in ihr produziert wurde. Lebewesen und Dinge waren mit ID-Chips versehen. Die Kunst war, die richtigen Filter zu setzen, um in der Flut der Informationen nicht zu ertrinken.

Bei abstrakten Begriffen, wie dem Omega, konnte es noch schlimmer sein. Kraken lieferte erst alles Wissenswerte zu dem Begriff, dann direkte Verknüpfungen zu Personen und Orten. Von denen gingen weitere Verbindungen aus. Um es besonders unübersichtlich zu machen, hingen die meisten sogar selbst miteinander zusammen.

Das Ganze wurde optisch aufbereitet. Das Objekt der Suche in der Mitte und die Verknüpfungen gingen wie die Fangarme eines Kraken von ihm aus. Informationsknubbel, die Bilder oder Texte enthielten, befanden sich am Ende der Arme und warfen wiederum eigene Arme aus. Das wiederholte sich immer weiter, bis der Inhalt der Knubbel kaum noch Relevanz zum Suchobjekt hatte.

Torochew zoomte aus dem dichten Informationsgeflecht heraus, um abschätzen zu können, wie viel es war und wie weit es sich verzweigte.

Wie erwartet, sehr weit.

Der Grund, warum, er das die Recherche nicht mit seinem Optikimplantat erledigte, während er draußen durch den frischen Schnee stapfte, war einfach. Solange er mit beiden Augen auf den Monitor des Medienpanels blickte, fühlte er sich wie ein normaler Mensch und nicht wie eine halbe Maschine. Dieses Gefühl brauchte er manchmal, wenn die Welt um ihn herum nicht mehr zu stimmen schien. Genauso das Schießtraining.

Die Masse an Informationen war in dieser Form unbrauchbar für ihn.

Was davon würde er ausblenden?

Da die Morde in jüngster Zeit geschehen waren, konnte Torochew wohl davon ausgehen, dass historische Fakten ignorierbar waren. Nicht, dass sie nicht interessant waren. Genau das war ja das Problem. Wenn er sie nicht ausblendete, würde er sich stundenlang an Anekdoten aus der Vergangenheit erfreuen und gar nicht merken, wie die Zeit verging.

Das Bild änderte sich nach Aktivierung des Filters komplett. Ähnelte es vom Weiten zuvor einem Speer, hatte es nun die Form eines aufgespannten Regenschirms. Mit den historischen Knubbeln waren auch alle der Naturwissenschaft und sämtliche Werke, Berechnungen und Diagramme verschwunden, in denen das Omega vorkam.

Die Knubbel enthielten nun statt Bildern oder Texten meist Filme, die in der Ferne um die Wette zuckten. Torochew wagte es, wieder einen näheren Blick auf den Ursprungspunkt seiner Suche zu werfen.

Einen dichten Ring bildeten Medienbeiträge von und über Studenten.

Studentenvereinigungen mit griechischen Buchstabenkombinationen hatten das Eis überlebt und ein neues Zuhause in der Oberwelt gefunden.

Ein Datenabgleich zwischen seinen Opfern und denen seiner Kollegen zeigte, dass keiner von ihnen eine der Universitäten der Oberwelt besucht hatte. Nicht einmal die gleichen Schulen.

Die Videos der Studenten waren generell zweifelhafter Natur und für einen Kollegen der Oberwelt sicher interessant. Keiner der jungen Erwachsenen schien daran zu denken, dass auf all den Aufnahmen ihre IDs sichtbar waren. Oder es war ihnen egal, weil sie Kinder der mächtigen Familien waren oder ihre Eltern in anderen hohen Positionen saßen. Die hatten keine Angst vor dem Sicherheitskorps. Wenigstens nicht vor den Kollegen, die dort oben zuständig waren.

Mit der Entfernung der Studentenorgien blieb nur noch ein Bruchteil der Verknüpfungen übrig. Ebenfalls fast nur Videos. Die meisten zeigten Straßen, Plätze oder Parks der verschiedenen Etagen oder Stadtringe. Die Szenen waren mal mehr und mal weniger stark belebt. Doch eines hatten sie alle gemeinsam.

In der Mitte jeder Aufnahme stand ein einzelner Mensch, der zu den Leuten sprach, deren Aufmerksamkeit er gewinnen konnte. Die Redner schienen bis auf diese Tatsache keine Gemeinsamkeiten zu haben und passten ideal in die Schicht, die am jeweiligen Ort vorherrschte. Anzüge in den niedrigen Oberweltetagen, Standardsynthetik in der Unterwelt, hippe knallige Jugendkleidung in einem Schulhof nahe der Spitze.

Besonders ins Auge fiel ihm ein ungepflegter Kerl im äußersten Ring. Die Haare waren so verfilzt, dass sie beinahe so aussahen, als trüge er eine Mütze. Die Nase war krumm und offensichtlich schon mehrmals gebrochen worden. Lücken und schwarze Zahnstumpen ließen Torochew unwillkürlich zusammenzucken, als der Redner den Mund öffnete.

Schwarze und braune Fetzen dienten ihm als Kleidung, notdürftig mit Metallstücken zusammengetackert. Auf seiner Brust trug er ein Stück Plastik, auf das ein Omega gemalt war.

Er gestikulierte wild und zeigte auf die Zitadelle im Hintergrund der Aufnahme.

Der Sergeant fragte sich, was er der Menschenmenge vor ihm wohl berichtete. Was brachte sie dazu, ihm trotz seiner abschreckenden Erscheinung zuzuhören? Er aktivierte den Audiokanal der Aufnahme.

„Glaubt ihr, die Affen dort oben werden sich mit ihren Ärschen bis in alle Ewigkeit auf eurer Arbeit ausruhen können? Glaubt ihr das wirklich?“

Einzelne verneinende Zwischenrufe bestätigten ihn.

„Sie scheinen im Moment übermenschlich, weil sie die Macht haben.“

Seine Augen weiteten sich und er zeigte auf einen alten Mann, der sich zitternd auf einen Stock stützte. „Die Macht, dir dein Essen wegzunehmen!“

Der ausgestreckte Arm wanderte suchend über die Menge zur rechten Seite des Redners. Als er den Rand schon fast erreicht hatte, wechselte er ruckartig die Richtung und richtete sich auf eine Frau, die zusammengesunken an der Wand des gegenüberliegenden Wohnkomplexes kauerte.

„Die Macht, dir dein Zuhause zu nehmen!“

Den anderen Arm schwang er über die gesamte Menge hinweg. „Oder euch allen die Unterhaltung, die der einzige Lichtblick am Ende eures trostlosen Tages ist.“

Einige der Zuhörer blickten auf ihre Füße, andere nickten zustimmend.

„Das, was ihnen diese Macht gibt, ist die verdammte Technologie.“

Er hielt inne, um diese Erkenntnis in den Köpfen der Zuhörer sacken zu lassen.

„Ihr fragt euch vielleicht, was ihr dagegen tun könnt. Die Antwort ist einfach. Nichts! Doch ihr müsst auch nichts tun. Ihre Technologie ist dem Untergang geweiht. Und der Tag, an dem ihr frei sein werdet, ist nah. Achtet auf die Zeichen!“

Torochew ließ die Aufnahme wieder verstummen. Er hatte genug gehört. Es mochte vielleicht naiv klingen, zwischen einem Redner, der von Technologie sprach, gleich die Verbindung zu scheinbaren Fehlfunktionen zu ziehen, in einer Welt, in der alle von Maschinen umgeben waren. Doch ihm reichte diese Spur. Wenn die Kommunikationsabteilung noch andere auftat, sollte ihm das recht sein, aber nun hatte er wieder etwas zu tun.

Er filterte die ID des Redners aus dem Video heraus, prüfte seinen Hintergrund und war erstaunt.

Das Gesicht, das ihm von der Holoaufnahme seines Profils anlächelte, war makellos. Kein Dreck, keine Narben, blitzend weiße Zähne. Doch ansonsten passten die biometrischen Daten.

Der Mann trug den Namen Rufus Hall und war Boss einer der neuen Technologiesparten der Kanter-Gruppe, einer der mächtigen Familien der Oberwelt. Antigravitation und Fortbewegung. Nach Öffnung der Zitadellentore brauchte man wieder Fortbewegungsmittel, die auch weite Strecken zurücklegen konnten. Da es keine Straßen mehr gab und die Natur die Erde zurückerobert hatte, wurde die Schwebertechnologie der Voreiszeit aus einer Kiste hervorgeholt und erneuert.

Er selbst durfte bereits einen der Prototypen für die Sicherheitsabteilung fahren. Eine spannende Erfahrung.

Diesem Mann würde er einen Besuch abstatten.

Wenn er ihn fand. Denn aus irgendeinem Grund konnte seine Position in der Zitadelle nicht festgestellt werden.

Zwischenspiel 1

zwischenspiel1.png

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„Du hast echt Mist gebaut!“

Mit einem kräftigen Schlag von Hammer und Meißel verlieh Pierre seinen Worten den genügenden Nachdruck. Die Plombe segelte an seiner Schulter vorbei und verkündete mit einem hellen Scheppern ihre sichere Landung auf dem Zitadellenboden.

„Was kann ich denn dafür, dass die Teks so miese Ausrüstung haben?“, kam die nörgelnde Antwort Gregors, der Kumpel, dem er gerade aus der Patsche geholfen hatte.

„Es hätte auch jeden anderen erwischen können. Wenn du Glück hast, haben die Sikos so viel zu tun, dass sie nicht noch mal bei mir auftauchen. Der Typ hat mich gnadenlos durchschaut. Du kannst einen Siko einfach nicht anlügen.“

Ohne hinsehen zu müssen, ließ er das grobe Werkzeug in den richtigen Taschen verschwinden. Aus einer anderen fischte er die neue Sicherung, die er speziell für diesen Job angefertigt hatte, und aus der nächsten einen Miniaturlaser.

Da Gregor schwieg, fügte Pierre noch hinzu: „Vielleicht tauchst du eine Weile unter, außerhalb der Stadt. Dann hast du einen Vorsprung, wenn sie doch noch zurückkommen.“

„Du wirst mich doch nicht ans Messer liefern, oder?“

Mit dem Laser reinigte er die Kontakte der Halterung und setzte dann die Sicherung ein. Auf seiner Datenbrille tauchte die erneut verbundene Stromleitung in der Software der Segmentüberwachung auf.

„Du kennst mich. Würde ich nie tun. Falls sie mich aber foltern …“

Auf der anderen Seite des ComNets sog sein Kumpel scharf die Luft durch die schmale Öffnung zwischen seinen Lippen.

„Folter? Es ist doch schon seit Jahrhunderten niemand mehr von den Sikos gefoltert worden.“

„Wenigstens hat seit Jahrhunderten keiner mehr etwas davon erzählt“, gab Pierre trocken zurück. „Du weißt es doch besser. Selbst wenn die Sikos es täten, wen würde es schon interessieren, was einem kleinen Bastler aus U127 zustößt? Wahrscheinlich hat er die Beamten bedroht oder sogar angegriffen und es nicht anders verdient.“

Das musste Gregor nachdenklich zu stimmen, denn er schwieg erneut. Dann schien er seinen Entschluss gefasst zu haben.

„Okay, ich pack dann mal meine Sachen. Man sieht sich.“ Nach einer Pause fügte er noch hinzu: „Hoffe ich.“

„Mach es gut und bleib am Leben.“

Die Verbindung wurde unterbrochen und Pierre schloss mit einem Gefühl größter Zufriedenheit die Abdeckung des Verteilerpanels. Der Schrecken, den er seinem Kumpel eingeflößt hatte, trug einen nicht unbedeutenden Anteil daran. Er hatte es verdient, für den Pfusch, den er hier angerichtet hatte.

Falls sich niemand mehr nach ihm erkundigte, würde er ihn zurückholen. Nachdem er ein oder zwei Wochen in der primitiven Siedlung, in die er floh, über seinen Fehler nachgedacht hatte.

Er war sich gar nicht so sicher, ob das Sicherheitskorps ihn nicht doch foltern würde, wenn ein anderer Ermittler auftauchte und diese Information haben wollte. Jetzt konnte er den Namen des Übeltäters nennen, ohne großen Schaden anzurichten.

Als er die vielen roten Punkte auf dem Lageplan dieser Etage betrachtete, war er eigentlich recht froh, dass Gregor einige Zeit fort sein würde. Die Ergebnisse seiner Reparaturen waren wechselhaft. Manchmal legte er Hand an etwas, dass noch nicht einmal kaputt war. Vielleicht schaffte Pierre es, all diese Fehler aus der Welt zu schaffen, bis er zurückkehrte. Danach würde er ihm nahelegen, sich doch ein anderes Hobby oder wenigstens eine andere Etage dafür zu suchen.

„Oberwelt, ich komme!“, murmelte er, unbeachtet von den Menschen um ihn herum, in das Grau der Gasse.

Sein Traum war ein komplett grün eingefärbter Lageplan, mit dem er bei seiner nächsten Bewerbung bei den Teks glänzen konnte. Damit er hier wegkam. Als Tek einen Job in der Oberwelt bekam oder wenigstens in den einstelligen Unterweltetagen.

Es war schon seit seiner Kindheit seine Bestimmung, die Technologie der Zitadelle zu revolutionieren. Sein Vater hatte den Grundstein gelegt, als er ihn, sobald er laufen und einen Schraubendreher halten konnte, mit zu seinen Reparaturen nahm. Auch er war ein Bastler gewesen.

Sein Vater hatte ihm immer gesagt, dass er eines Tages ein Tek werden würde, so großartig, dass sich die Etagen um ihn rissen.

Dazu musste das Technologische Komitee nur erst von seinem Können erfahren. Die letzten vier Jahre, in denen er das versucht hatte, war seine Bewerbung immer von einem dieser schmierigen Bürokraten abgefangen und aussortiert worden. Meistens wusste er, wer stattdessen den Platz bekam, der eigentlich ihm zustand. Das waren nicht selten Leute, die wie Gregor mehr Schaden als Gutes anrichten würden.

Doch er gab nicht auf. In der Zwischenzeit lernte er noch mehr. Studierte jedes verbaute Stück Zitadellentechnologie und füllte seine Regale mit einer Unzahl Prototypen, die ausnahmslos Verbesserungen ihrer Vorlagen darstellten.

Pierre dachte über die Frage nach, die ihm dieser Sergeant gestellt hatte. Ob er bei Tamachis Tod nachgeholfen hatte.

Hatte er natürlich nicht.

Würde er nachhelfen, um in der Gesellschaft aufzusteigen? Tamachis Posten war natürlich vollkommen unbedeutend. Würde er aber den Beamten töten, wenn das bedeutete, dass seine Bewerbung endlich dem Komitee vorgelegt wurde?

Wie würde er es anstellen? Eine Bombe in der Bewerbung, die nur auf seine Biosignatur reagiert? So ein Paket würde zurückverfolgt werden. Auf einen Unfall konnte er dann kaum plädieren. Welche digitale Bewerbung explodierte schon, selbst wenn ihr ein Muster an Hardware beilag. Außerdem würde ein potenziell gefährliches Stück Hardware nie den Scanner nach O1 passieren.

Oder würde er ihn verfolgen? Herausfinden, welche Bars er besuchte und den Luftdruckreiniger manipulieren, den jeder Gast vor dem Betreten passieren musste? Auslöser könnte der Chip des Beamten sein. Verständlicherweise könnte er diese Änderung nicht direkt am Reiniger durchführen. Er musste dafür sorgen, dass jemand anders ihn unbeabsichtigt beschädigte. Dem Tek, der das Gerät reparierte, musste er dann das passende Ersatzteil unterjubeln. Kompliziert aber nicht unmöglich.

Allerdings lagen solche Handlungen nicht wirklich in Pierres Natur. Nicht allein wegen der Gefahr, dabei aufzufliegen, auch wenn er vor den Folgen natürlich Angst hätte. Schließlich war er kein Psychopath.

Nein, er würde niemanden verletzen oder töten wollen, nur um in der Nahrungskette aufzusteigen. Es musste einen Weg geben, das auf ehrliche Art und Weise anstellen zu können.

Ein neuer roter Punkt tauchte auf der Karte auf und Pierre seufzte.

Als er die Position erkannte, weiteten sich seine Augen.

Das war seine eigene Segmentüberwachung, bei der ein Defekt angezeigt wurde. Einen Bruchteil nach dieser Erkenntnis wurde die Anzeige schwarz.

Er hatte die Verbindung zur Segmentüberwachung verloren. Hatte sich der Fehler wiederholt, der während Tamachis Tod aufgetreten war?

Pierre beschleunigte seinen Schritt.

Er drückte sich an den farblosen Gestalten vorbei, mit denen er sich die Straße teilte und ignorierte die Flüche, die er gelegentlich dafür erntete. Bei der ersten freien Stelle rannte er. Das hatte er lange nicht mehr getan und bereits nach wenigen Schritten spürte er, wie sein Körper Zweifel ankündigte, wie lange er das noch durchhalten würde.

Wer hatte hier schon einen Grund zu rennen?

Aber Pierre wollte nicht riskieren, dass ein weiterer Unfall geschah, während er blind war. Deswegen ließ er die Bedenken außer acht, die Lungen und Oberschenkelmuskel einreichten und rannte weiter.

Vollkommen atemlos, mit stechenden Seiten und pochenden Schläfen erreichte er seinen Arbeitsplatz.

Die Monitore waren schwarz, bis auf einen.

Ein Gesicht blickte ihn daraus an. Verschwommen und mit leicht variierenden Merkmalen.

Das war der Geist des Alpha-Netzwerkes.

„Verdammt!“, keuchte er, ging auf die Knie und stützte sich mit den feuchten Handflächen auf dem kalten grauen Boden ab.

Es war keine Eile mehr nötig. Um dieses Problem zu beheben, musste er sowieso einen dicken Brocken seiner Zeit aufbringen.

Pierre atmete schwer, um dem gierigen Verlangen seines Körpers nach Sauerstoff nachzukommen. Dafür wechselte er in eine bequemere, sitzende Position und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand, die dem Medienpanel mit der Fratze gegenüber lag.

Schweiß rann ihm in die Augen und er wischte sich mit dem Ärmel seiner Lederkluft darüber. Das half kaum und er fischte ein Tuch aus einer der Taschen, das für diese Aufgabe besser geeignet war.

„Ich kann dir helfen.“, flüsterte ihm eine Stimme zu. Er hatte sie kaum wahrgenommen, so zittrig und dünn schwebte sie an sein Ohr.

Er sah sich im Raum um.

Er war alleine.

„Ich kann dir helfen, wenn auch du mir hilfst.“

Da war sie wieder. Doch Pierre sah immer noch nicht, wo sie ihren Ursprung hatte.

„Ich kann dich nicht sehen. Bin ich verrückt?“

„Ich bin direkt vor dir.“

Direkt vor ihm? Dort war doch nichts. Außer …

„Das ist ein Scherz oder? Du rufst mich über das ComNet an und benutzt das Gesicht des Alpha-Geistes. Gregor, bist du das, um dich an mir zu revanchieren?“

„Nein. Ich bin der Alpha-Geist.“

„Das ist ein Virus, oder? Mensch, Gregor!“

Ein Virus, der es auf seine Etage abgesehen hatte und seinen Traum von einer besseren Welt zerstören würde, wenn Pierre ihn nicht beseitigte.

„Kein Virus. Wirf deine Vorurteile über Bord und hör mir zu. Ich kann dir helfen, den Platz einzunehmen, der dir in der Oberwelt zusteht. Im Gegenzug musst aber auch du etwas für mich tun.“

Woher wusste er das? Natürlich kannte auch Gregor seinen Plan, sich bei den Teks zu bewerben. Dass er gerade eben darüber nachgedacht hatte, aber sicher nicht. Ob diese virtuelle Spukgestalt seine Gedanken lesen konnte?

Pierre zuckte mit den Schultern. Er würde gleich damit anfangen, den Schaden zu reparieren. So lange hatte er Zeit, ihn zu überzeugen.

„Dann schieß mal los!“

Andeutung 1.5

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Befand Torochew sich auf einem Trip? Er zog es einen Moment lang in Erwägung. Doch die Überwachung seiner Biowerte schlug nicht an.

Nachdem er sein Auge verloren und dieses Wunderwerk der Technik erhalten hatte, brauchte sein Kopf eine Weile, bis er sich daran gewöhnt hatte. Damals war es nicht ungewöhnlich, dass ihm sein Verstand Streiche spielte, wenn er versuchte die Bilder seines Auges und des Optikimplantats zusammenzufügen.

Diese Phase war vorbei. Er verwendete zwar immer noch Tricks, um Nebeneffekten wie Kopfschmerzen oder Übelkeit vorzubeugen, aber er wusste genau, was er sah. Das Gesicht war real gewesen, als Beweis gespeichert auf einem Datenträger. Und das Symbol flimmerte immer noch dort, direkt vor seiner Nase.

Er war sich sicher, dass er es auch in der Segmentüberwachung gesehen hatte. Beides Orte, die mit dem Tod eines Menschen in Zusammenhang standen.

Würde sich Tamachis Tod, wie Groenwalds, ebenfalls als Mord herausstellen, wenn er nun doch nachbohrte? Steckte hinter den Fällen seiner beiden Kollegen womöglich ebenfalls mehr? Keine Verschwörung der Maschinen sondern ein echter Mensch, mit einem wirklichen Motiv?

Er schickte ein Bild des Symbols an die beiden, wenigstens um den Zweifel auszuräumen. Eine weitere Kopie ging an die Kommunikationsabteilung. Sie sollten ihm alle bekannten Informationen darüber zukommen lassen. Außer der Information, dass es sich um einen griechischen Buchstaben handelte, der außerdem für die Maßeinheit Ohm stand. Das war ihm natürlich bekannt.

Groenwalds Medienpanels konnte er nach Einsicht in das Bewegungsprofil leider nicht genauer untersuchen. Falls er an ihnen Arbeit für seinen Arbeitgeber durchgeführt hatte, konnten sie der Geheimhaltung unterliegen.

„Betty, mach eine Spiegelung seiner Medienpanels und hol eine Freigabe für die Daten von Niveum-Kybernetik ein.“

„Wird gemacht, Sergeant Torochew.“

Nachdem das in die Wege geleitet war, hatte er ein paar Minuten Zeit, bis einer Antwort kommen würde. Er startete einen Verbindungsaufbau zu Catherine.

Die Warte-Animation des ComNets erschien auf seinem Optikimplantat. Ein Roboter mit eckigem Kopf, der Kabel in Buchsen steckte. Eine absichtliche Retrodarstellung alter Kommunikationsnetzwerke und längst vergangener Vorstellungen davon, wie Roboter aussehen könnten.

Nach zwei Sekunden zuckte der Roboter mit den Schultern.

„Es tut mir leid, der gewünschte Gesprächspartner ist momentan nicht im ComNet präsent.“

Was?

Torochrew konnte sich nicht daran erinnern, dass sie irgendwann einmal nicht angemeldet gewesen war. Selbst während ihrer Einsätze war sie mit ihrer privaten ComNet-Präsenz immer aktiv. Wenn auch nur, um zu verkünden, dass sie im Dienst war.

Selbst, wenn sie sich gestritten hatten, war sie bisher nie untergetaucht.

Er strengte seine grauen Zellen an, konnte sich aber einfach nicht daran erinnern, wann ihre Schicht zu Ende war. Das war sicher kein gutes Zeichen für die Gesundheit ihrer Beziehung. Ihre Jobs nahmen einfach mehr Raum ein, als sie sollten. Vielleicht war es mal an der Zeit, dass sie ihren angesammelten Urlaub nahmen.

Torochew war schon drauf und dran, Catherine direkt über das ComNet des Sicherheitskorps anzurufen, als es bei ihm klingelte.

Es war Max.

„Hallo Max. Das ging schneller, als erwartet.“

„Hallo Elisa. Ich stehe gerade in der Leichenhalle, um den Körper meines Opfers für den Kreislauf freizugeben. Wie es der Zufall so will, schauen seine Füße unter der Abdeckplane hervor. Rate mal, was für eine Tätowierung er auf der linken Fußsohle hat.“

„Ist das dein Ernst, oder willst du mich auf den Arm nehmen?“

Ein weiteres Signal kündigte das Eintreffen von Bilddaten an und Torochew ließ sie neben dem Gesprächsverlauf anzeigen.

Ein einzelner Fuß, der unter der weißen Plane hervorblickte und den letzten Moment Freiheit genoss, bevor er in seine kleinsten Bestandteile zerlegt wurde. Darauf prangte ein Omega, unter dessen Boden sich eine Reihe schwarze Linien unterschiedlicher Dicke befanden.

„Bei der Spitze der Zitadelle“, hauchte Torochew in die leere Groenwalds Wohnung.

„Ich habe keine Ahnung, was die Striche bedeuten“, gab Max zu. „Aber das Symbol sieht so aus, wie das von dir gesuchte.“

„Die Striche sehen aus wie ein Barcode.“

„Was für ein Ding? Noch nie gehört.“

„Gab es vor dem Eis auf Verkaufsgütern. Enthielten Daten. In etwa, wie unsere ID-Chips. Natürlich primitiver und auf ein Minimum von Informationen beschränkt.“

Max brummte etwas vor sich hin.

„Du hast eine Idee?“, vermutete Torochew. „Dann spuck sie aus!“

„Entweder sie sind antike Androiden, die dem Verkauf entgangen sind, weil die Eiszeit begonnen hat oder es handelt sich um eine Markierung der Menschenhändler der Außenwelt. Die Leute suchen das Abenteuer in einem der illegalen Viertel des äußersten Stadtrings. Dort werden in der Druckluftdusche vor der Kneipe, die sie besuchen wollen von einem Kunden markiert und bei der nächsten Gelegenheit verschleppt.“

Torochew stöhnte.

„Max, du hast zu viel Fantasie. Deine Theorien haben außerdem beide Lücken. Wenn es sich bei meinen beiden Opfern, wenigstens dem letzten, um Androiden handelt, dann um sehr realistische Modelle. Mit perfektem menschlichen Innenleben.“

„Ja, klingt logisch. So einen Androiden habe ich bisher auch noch nie getroffen. Was ist mit Nummer zwei?“

„Warum sollten die Menschenhändler ihre Ware umbringen? Um ihre Identität geheim zu halten? Wir wissen doch genau, dass sie dort draußen sind. Der einzige Grund, dass wir sie noch nicht alle ausgemerzt haben, sind fehlende Ressourcen.“

„Okay, du hast gewonnen“, gab sich Max geschlagen. „Hoffe nur, du findest eine ähnlich spektakuläre Erklärung.“

„Wer weiß, irgendetwas muss hinter dem Symbol doch stecken. Kannst du nachsehen, ob meine beiden Opfer und Haralds Fall auch so eine Tätowierung haben?“

„Von der Frau, deren Unfall Harald untersucht hat, war nicht mehr viel übrig, tut mir leid. Deine müssten aber noch irgendwo rumliegen.“

Geräusche quietschenden Metalls ließen Torochews Haare zu Berge stehen. Max zog die Lagerungsschubladen heraus und nahm keine Rücksicht auf ihre Verbindung. Danach folgte das metallische Klacken, nachdem sie zurückgeschoben wurden und wieder einrasteten.

Endlich eine Pause, in der sich seine strapazierten Ohren ausruhen konnten.

„Oh!“

„Spann mich nicht auf die Folter Max!“

Der bekannte Signalton antwortete an Max‘ Stelle und ein zweites Bild erschien. Es ähnelte dem Ersten. Gleiches Omega, nur der Strichcode unterschied sich.

„Das war Tamachis Fuß“, erklärte Max.

„Wenn Groenwald auch so eine Tätowierung hat, bekommt ihr beiden Spinner doch noch eure Verschwörung.“

Zustimmendes Glucksen.

Einige aufgezogene Schubladen später bestätigte sich die Vermutung.

„Und was bedeutet das jetzt?“, fragte Max.

„Bedeutet, dass ich Leuten unangenehme Fragen stellen werde. Ich muss mich nur noch entscheiden, wer diese Leute sein werden.“

„Du willst das doch nicht alleine durchziehen, oder? Es ist Ewigkeiten her, dass ich einen interessanten Fall hatte.“

„Die Abteilung wird wahrscheinlich keine zwei Ermittler auf den Fall ansetzen. Tut mir leid, aber ich denke ich weiß, wie die Entscheidung ausfallen wird. Dein Opfer ist schon für die Rückführung freigegeben und Haralds bestimmt auch. Ich habe zwei Opfer und die Spur gefunden.“

„Danke, dass du mir Hoffnungen machst“, antwortete Max zerknirscht.

Torochew verstand ihn. Aber selbst wenn sie Freunde waren, würde er den Fall nicht hergeben. Das hätte Max an seiner Stelle auch nicht getan.

„Ich geb dafür die nächste Runde aus, versprochen.“

„Ein schwacher Trost, aber danke. Machs gut.“

Damit klinkte Max sich aus dem Gespräch aus und Torochew stand wieder allein in der Wohnung.

Ob es zwischen den Opfern neben der Tätowierung noch andere Gemeinsamkeiten gab? Ihre Arbeitgeber waren nicht dieselben. Wenigstens nicht Tamachis und Groenwalds. Er bezweifelte, dass der Junge, Max‘ Opfer, bereits einem Beruf nachging. Die Vierte im Bunde war Hausfrau. Das passte nicht zusammen.

Er fügte der Anfrage an die Kommunikationsabteilung noch eine Analyse hinzu, welche Schnittmengen es in ihren Privatleben gab.

Dann tat er, was er schon vor Minuten vor hatte und stellte er eine Verbindung zu Catherines Abteilung her.

„Kommmunikationsabteilung, Lieutenant Sing. Wie kann ich Ihnen helfen, Sergeant Torochew?“, nahm eine piepsige Frauenstimme seinen Anruf an.

Sie musste neu sein, denn er kannte sie nicht. Falls sie, wie die meisten Studenten der Oberwelt den temporären Einsatz in der Kommunikationsabteilung des Sicherheitskorps nur als Feder in ihrer Karrieremappe nutzte, brauchte er sich auch nicht die Mühe machen, sich ihren Namen zu merken.

Torochew wusste, dass er bereits vor Beginn des Gesprächs voreingenommen war und es war ihm egal. Es wurmte ihn einfach, dass er Catherine nicht erreichte.

Wie lange war es jetzt her, dass er sie das letzte Mal gesehen hatte?

„Kann ich Sie um einen Gefallen bitten, Lieutenant Sing?“ Er bemühte sich höflich zu sein, auch wenn ihr höherer Rang lediglich dekorativ war. Auf einem Schlachtfeld ohne Bedeutung. „Können Sie mich mit Lieutenant Hill verbinden?“

„Einen Moment. Könnten Sie mir noch den Vornamen nennen?“

Wie viele Hills konnte es in ihrer Abteilung schon geben? In jeder Kommunikationszentrale saßen doch nur eine Handvoll Kommunikationsoffiziere.

„Catherine.“

Der versprochene Moment zog sich in die Länge und Torochew, der sich auf dem künstlichen Gras niedergelassen hatte, rupfte ungeduldig einzelne Halme aus. Er warf sie in die Luft und sah zu, wie sie sich wieder mit dem Teppich verbanden, als sie den Boden berührten.

„Es tut mir leid“, meldete sich Lieutenant Sings Stimme zurück. „In unserer Abteilung arbeitet niemand mit diesem Namen.“

War sie versetzt worden?

„In einer der anderen Abteilungen vielleicht?“

„Tut mir leid, Sergeant Torochew, ich habe mich unklar ausgedrückt. Ich meine die komplette Kommunikationsabteilung des Sicherheitskorps.“

„Hören Sie, Lieutenant Sing, das muss ein Fehler sein. Ich habe sie doch gestern noch dort erreicht.“

Vielleicht war es auch vorgestern gewesen, bei der vielen Arbeit war es nicht schwer, mal das Zeitgefühl zu verlieren.

„Ich bin dieser Kommunikatzionszentrale jetzt schon drei Wochen zugeteilt und habe sie noch nie gesehen.“

War das ein Scherz? In ihrer Arbeit nicht professionell und vor allem nicht komisch, wie Torochew fand. Wenn man sich mit den falschen Leuten in der Zitadelle anlegte, konnte es durchaus passieren, dass man spurlos verschwand. Eine Spur gab es anfangs noch. Sie führte immer bis zum Rand der Zitadellenstadt und verlor sich dann. Jemand, der in die Außenwelt verschleppt wurde, war quasi unauffindbar.

Torochew und die Außenweltabteilung hatten sich in der Vergangenheit mit den falschen Leuten angelegt. Dass Catherine ein Opfer ihrer Arbeit geworden sein konnte, ließ ihm einen kalten Schauer den Rücken herunterlaufen.

„Das ist nicht komisch“, sagte er kühl in sein Mikro. „Würden Sie mich nun bitte mit ihr verbinden?“

„Sergeant Torochew, ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen helfen kann.“

Ihre Stimme klang ehrlich, sie mussten wirklich Spaß haben, ihn an der Nase herumzuführen. Darauf hatte er einfach keine Lust mehr.

„Ich kann mir vorstellen, dass Catherines Idee, mich etwas zu ärgern, großartig geklungen hat. Jetzt ist aber Schluss mit dem Spaß. Wenn Sie mich nicht sofort mit ihr verbinden, sorge ich dafür, dass Ihre Zeit beim Sicherheitskorps zur Hölle wird!“

Torochews Optikimplantat warnte ihn wild piepsend vor seinem gestiegenen Puls. Als ob diese Maßnahme ihn senken würde.

Er spürte, wie das Blut kochend durch seine Adern schoss. Seine Faust war geballt und hielt ein ganzes Bündel künstlicher Grashalme umklammert.

Wenn sie ihn jetzt immer noch nicht zu Catherine durchstellte, würde er die Kommunikationsabteilung stürmen.

Von der anderen Seite des ComNets hörte er Lieutenant Sings schlucken, bevor sie sich ausklinkte und Sergeant Torochew aufgewühlt zurückließ.

Er atmete tief durch und verwarf seinen Plan, mit gezückter Waffe das Ende seiner Karriere einzuläuten. Stattdessen ließ er sich in das Gras sinken und starrte an den blauen Himmel in Groenwalds Wohnung, über den einzelne Schäfchenwolken zogen. Beide genauso falsch, wie die plötzliche Wut, die in ihm aufgestiegen war.

Wenn Catherine gerade ihre Ruhe brauchte, musste er sie ihr vielleicht lassen.

Er würde jetzt auf den Schießstand gehen und sich dort an imaginären Feinden auslassen. Er wollte nicht als Fall für seine Kollegen enden, wenn er gereizt in diese Ermittlung ging und auf die falschen Leute schoss.